Jüdisches Leben
in Bayern

Völkersleier Synagoge

Es ist zu fragen, ob es sich bei der erstmals 1736/38 erwähnten "Schulle" zunächst um eine einfache Betstube" in einem Privathaus, oder bereits um eine öffentliche Synagoge gehandelt hatte.

Entweder wurde diese dann im Herbst 1762 um einen neuen, entsprechend datierten Aron ha-Kodesch ergänzt, oder es wurde in der Fronstraße 4 ein ganz neues Gebäude im Fachwerkstil ausgeführt. Letzteres würde auch die ungewöhnlich drastische Steigerung der Synagogengebühr zwischen 1760/61 und 1774/75 von neun auf 15 Gulden erklären. Die barocke Synagoge war dem Baugrund geschuldet leicht nach Nordosten gedreht und entsprach in seiner bescheidenen, versteckten Lage in zweiter Reihe den Vorgaben für jüdische Gotteshäuser in unmittelbarer christlicher Nachbarschaft. Irgendwann nach 1820 errichtete die Kultusgemeinde an der Westseite der Gemeinde einen Anbau für der Religionsschule mit Lehrerwohnung.

1846 war die Lehrerwohnung „so schlecht und verdorben[…], daß sie nicht wohl zu bewohnen sey“. Die unumgängliche Synagogenreparatur von 1856/57 war auch mit einer Erweiterung der Schule verbunden. Dazu erhielt das Gebäude im Westen einen weiteren Anbau, der je ein großes Zimmer im Erdgeschoss und Obergeschoss umfasste. Ein Plan von 1886 zeigt die Situation nach der Erweiterung: Damals war der Schulsaal im Erdgeschoss des Anbaus eingerichtet, im Obergeschoss lag das Wohnzimmer der Lehrerwohnung. 1872 fielen neue renovierungsarbeiten an, über deren Umfang nichts bekannt ist.

Die Synagoge bot nach 1872 im Betsaal 72 Männern und auf einer Empore 33 Frauen Platz. Die Aufteilung des Gotteshauses ist etwas unklar, anscheinend befand sich die Frauenabteilung zunächst in einem von zwei westlichen Räumen im Erdgeschoss und wurde erst nachträglich auf die Empore an der Westwand verlegt. Der Zugang für den ersten Stock lag im anschließenden Schulhaus. Einen großen Teil des Raums nahm eine achteckige Bima ein, doch der dominierende Teil der Synagoge war ein ungewöhnlich qualitätvoller, aufwendiger Toraschrein im Stil des Spätbarocks. Seine Bekrönung im Form zweier Löwen, welche die mosaischen Gesetzestafeln halten, ragte bis zur gewölbten Tonnendecke auf. Nach außen hin machten lange Fensterbahnen die Synagoge als Sakralbau kenntlich.

1927 stand erneut eine größere Synagogenreparatur an, die mit 4.000 Mark veranschlagt war. Unter der Bedingung, für die Hälfte der Summe zunächst die nötigsten Arbeiten und im nächsten Jahr die restlichen vornehmen zu lassen, gewährte der VBIG einen Zuschuss von Tausend Mark. 500 Mark sollten die jüdischen Gemeinde aus eigener Kraft, weitere 500 aus Spenden ehemaliger Gemeindemitglieder bestreiten. Im Endeffekt rügte der Verband die Völkersleier Gemeinde, da sie mit ihren „12 umlagepflichtigen Mitfliedern für die Wiederherstellung ihrer Synagoge Tausende von Mark verbaut hat, ohne vorher auch nur im Geringsten zu wissen, woher sie die erforderlichen Mittel nehmen soll“. Nach der Interpretation der bis jetzt bekannten Schrift- und Bildquellen handelte es sich bei der bis 1938 genutzten Synagoge wohl um Bau von 1762, der erweitert und restauriert wurde, sich aber substanziell erhalten hatte.

Literatur

  • Berger-Dittscheid, Cornelia: Völkersleier, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries, Lindenberg im Allgäu 2021, S. 338-360