Jüdisches Leben
in Bayern

Untermerzbach Synagoge

Von einer Synagoge in Untermerzbach ist seit dem 18. Jahrhundert auszugehen. Der Ort war 1718 Rabbinatssitz. Chaim ben Mosche war Rabbiner für die Bezirke Grabfeld und Würzburg. Über Standort und Aussehen des Gebäudes gibt es keine Aussagen. Da allerdings der frühe jüdische Wohnbereich im Areal "Judenhof" zu vermuten ist, könnte sich die Synagoge im 18. Jahrhundert ebenfalls hier befunden haben. Das Geographische Statistisch-Topographische Lexikon von Franken vermerkte 1801: "Die Juden haben hier auch eine Schule". Die Historisch-topographische Beschreibung des Kaiserlichen Hochstifts und Fürstenthums Bamberg notierte für 1801 für den Ort, es gäbe "elf Tropfhäuser, worunter sechs Judenhäuser sind, welche auch eine Synagoge haben".

Das Wachstum der Gemeinde erforderte in den 1830er Jahren einen Synagogenneubau. Das Gebäude (heute Judenhof 1) wurde am Freitag, den 4. September 1835, feierlich eingeweiht: "In Untermerzbach wurde am 4. d. von den Israeliten ein neues Bethaus unter schönen Teutschen Gesängen und mit einer von dem Rabbinats-Kandidaten Felsenheld gehaltenen Rede eingeweiht. Die Gutsherrliche Gräfl. Familien von Rotenhan, die Beamten und die Geistlichen der beiden Christlichen Konfessionen aus der Umgebung nahmen an dem Feste theil und freuten sich des neuen Lichtes in der Dunkelheit", berichtete die Nürnberger Allgemeine Zeitung von und für Bayern am 17. September 1835. Auch der im pfälzischen Landau erscheinende Eil-Bote aus dem Bezirk schrieb 1835: "Licht in der Dunkelheit - Zu Untermerzbach an der sächsisch-bayerischen Grenze wurde am 4. September von den Israeliten ein Bethaus eingeweiht, nicht wie weiland mit Hokuspokus, sondern mit schönen deutschen Gesängen und einer passenden Rede; alle Confessionen nahmen an dieser schönen Feierlichkeit Antheil".

Bei dem genannten Rabbinats-Kandidaten handelte es sich um den Untermerzbacher Hermann Felsenheld, der 1832 in Würzburg das Abitur abgelegt hatte und dann in Würzburg studierte. 1838 war Felsenheld einer der Unterzeichner der Münchner Petition der stellungslosen Rabbinatskandidaten. Er wanderte dann nach Amerika aus und war in New York tätig Sein Vater war Moses Felsenheld (1769-1825), der als Moses "Felsenfeld" in der Unterschriftenliste des Untertaneneids in Untermerzbach geführt wird, seine Mutter war Bertha Felsenheld (1773-1856).

Ebenfalls in Untermerzbach geboren sind die beiden Brüder, die Rabbiner Aaron Merz und Moses Cohen. Moses (1785-1843) war Sohn von Samuel Daniel Cohen und besuchte seit etwa 1800 die Jeschiwa in Fürth. 1827 legte er die Staatsprüfung in Speyer ab und wurde Bezirksrabbiner in Kaiserlautern. Aaron (1795-1864) war nach den Angaben des Biographischen Handbuchs der Rabbiner ein Sohn von Samuel Jakob Cohen und studierte ebenfalls zunächst an der Fürther Jeschiwa. Nach der Staatsprüfung in Erlangen 1824 war er seit 1829 Rabbiner in Bad Dürckheim. Dass es sich hier um zwei Brüder handelt, geht aus dem Nachruf aus Moses Cohen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1843 hervor.

Bis Anfang der 1860er Jahre dürfte die Gemeinde noch einen eigenen Lehrer und Vorbeter beschäftigt haben. Mit dem Rückgang der Gemeindezahlen, spätestens zu Beginn der 1880er Jahre, dürfte es aber keinen angestellten Vorbeter mehr gehabt haben. Schon 1889 begann man mit dem Verkauf von gut erhaltenen Torarollen bzw. von weiteren, die für den Gottesdienst unbrauchbar waren. Zu dieser Zeit zählte die Gemeinde aber noch über dreißig Mitglieder, so dass regelmäßige Gottesdienste möglich gewesen sein sollten. Ob das Synagogengebäude in den nächsten Jahrzehnten noch genutzt wurde, ist nicht bekannt. Der Verkauf des Gebäudes erfolgte erst 1930 im Zuge der Auflösung der Gemeinde. Nach einer Nutzung als Getreidespeicher wurde das Gebäude zu einem Wohnhaus umgebaut.


(Patrick Charell)

Adresse / Wegbeschreibung

Judenhof 1, 96190 Untermerzbach