Im 17. Jahrhundert versammelten sich die Untererthaler Juden in einem privaten Betsaal. 1737 errichteten sie mit Erlaubnis der Ortsherrschaft eine eigene Synagoge im "Judenhof" (heute Judengasse 6). Dabei handelte es sich um einen bescheidenen, hölzernen Anbau am Haus des Nathan, rechts des Eingangstores zur Erthal‘schen Burg in einem zum Gut gehörenden Garten. Weil der Fürstabt von Fulda keine Baugenehmigung erteilt hatte, drangen im Juli 1737 Fuldaer Soldaten "in den Burgplatz ein [...] und [haben] sotanes Schul-Bäulein gewaltsamer Weis auf den Grund darnieder gerissen". Die Juden mussten weiterhin ihre Gottesdienste in einer "Stube" feiern.
Zwischen 1800 und 1805 wurde anstelle des alten Burgtors ein neues, 12,55 m langes Gebäude mit Walmdach errichtet, dass die Synagoge, die Religionsschule und eine Lehrerwohnung vereinte. Es liegt traufseitig zur der Judengasse 6 an einer Sackgasse am nordwestlichen Rand des ehemaligen Judenhofs. Das Erdgeschoss ist massiv ausgeführt, das Obergeschoß besteht aus Fachwerk. Die Durchfahrt zu den jüdischen Häusern nimmt etwa 5 Meter der Fläche ein, westlich davon war die Lehrerwohnung untergebracht. Der Betsaal lag direkt über der Toreinfahrt und bot etwa 30 Gläubigen Platz. Die Frauenabteilung mit zehn Plätzen befand sich in einem angrenzenden Raum über der Lehrerwohnung. Der rechteckige Betsaal war so schlicht wie seine Ausstattung, Theodor Harburger bezeichnete ihn in den 1920er Jahren als Betstube. Bis zuletzt gab es nur die konservativen Stände, keine festen Sitzbänke (Subsellien) nach reformierten Ritus. Der Toraschrein wurde durch einen Doppeladler mit Krone in schlichter Sägearbeit bekrönt. Von den anderen umgebenden Häusern hob sich das Bauwerk äußerlich nur durch seine Größe ab, die dem Haus noch immer eine gewisse Stattlichkeit verlieh.
Am 10. November 1938 stürmten SA-Leute die Synagoge, demolierten die Inneneinrichtung und legten ein Feuer. Der letzte Gemeindevorstand Adolf Stühler hatte das Gotteshaus anschließend nicht verkauft, sondern den Grundbuchsauszug dem jüdischen Rechtsanwalt Richard Müller in Würzburg übergeben. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland vermietete das Gebäude ab 1. Juni 1940 als Kriegsgefangenenlager und bot es am 3. Mai 1943 dem Untererthaler Bürgermeister zum Kauf an. Pläne zur zivilen Nutzung wurden nicht umgesetzt, das Gebäude blieb ein Gefangenenlager, die einstigen Abteile dienten als Schlafsäle. Ab dem 1. Mai 1945 stand das Gebäude zunächst leer, anschließend kamen Heimatvertriebene unter. Nach Abschluss der Restitution durch die JRSO ging die ehemalige Synagoge in Privatbesitz über. Sie wurde zu einem Wohnhaus umgebaut, was nach diversen Veränderungen und Besitzerwechseln noch heute steht. Das ursprüngliche Dach und die Außenmauern haben sich erhalten, eine Gedenktafel wurde bislang nicht angebracht.
(Patrick Charell)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Judengasse 15, 97762 Hammelburg
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Untererthal. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 302-322.
