Die mittelalterliche Synagoge zu Schweinfurt wird erstmals anlässlich einer Erneuerung des Gebäudes im Jahr 1479 erwähnt. Sie stand in der noch heute sogenannten "Judengasse" im südlichen Viertel der Altstadt, wahrscheinlich an ihrem südwestlichen Ende gegen die Petersgasse zu, an der Stelle der Anwesen 135 und 134 (heute Judengasse Nr. 25 und 27). Sie hatte drei Straßenfronten. Unter oder neben ihr befand sich eine Mikwe. Über die Ausstattung ist jedoch nichts bekannt. Nach dem Verbot der Wiederansiedelung bzw. der Vertreibung der Juden aus Schweinfurt 1555 fiel die Synagoge in den Besitz der Reichsstadt und wurde abgebrochen. Kurz nach der Aufhebung der Matrikelgesetze 1861 fand im Herbst 1862 ein erster jüdischer Gottesdienst im "Kugler’schen Gartenlokal" statt. Der wohl nach 1750 entstandene Pavillon diente rund zwei Jahre als Betraum, bis die jüdische Gemeinde nach einer Übergangslösung in angemieteten Räumen das Anwesen des Bierbrauers Christoph Stremel erwarb, und im August 1866 in der früheren Gaststube einen Gebetsraum einrichtete.
Da das Provisorium bald zu klein geworden war, erteilte der Schweinfurter Stadtmagistrat rund sieben Jahre später, am 2. Dezember 1873, die Baugenehmigung für eine neue Synagoge. Diese wurde auf einem Grundstück in der Siebenbrückleingasse (heute öffentlicher Parkplatz) in einem knappen Dreivierteljahr erbaut, und am 7. September 1874 in Anwesenheit von Vertretern der Stadt Schweinfurt, der staatlichen Behörden und der christlichen Konfessionen und einer großen Zahl von Schaulustigen eingeweiht.
Im Erdgeschoss des relativ nüchtern gehaltenen Zweckbaus, eines neogotischen, rund 16 Meter langen und elf Meter breiten, flacht gedeckten Saals, war die Männersynagoge untergebracht. Im rund sechs Meter breiten und rund drei Meter tiefen Chor standen der Almemor und der von zwei Säulen flankierte Thoraschrein, den ein Aufsatz mit zwei spitzbogigen Blendgiebeln abschloss. Von der Männersynagoge führte eine Holztreppe zur Frauenempore, auf der bis 1905 auch eine Orgel stand. Diese gehörte zu den ersten Synagogenorgeln in Bayern, wurde allerdings bereits seit 1889 nicht mehr bespielt.
Seit 1890 wirkte in Schweinfurt als Distriktsrabbiner Dr. Salomon Stein, der an den Universitäten Würzburg und Berlin studiert hatte und im orthodoxen Berliner "Hildesheimer’schen Rabbinerseminar" ausgebildet worden war. Im Sinne der jüdischen Orthodoxie schaffte er zahlreiche Neuerungen seines Vorgängers Mayer Leberecht wie das Orgelspiel, die Konfirmation und den Frauenchor wieder ab, was zu Konflikten innerhalb der Kultusgemeinde führte.
Als die erste Synagoge nicht mehr den Anforderungen der Gemeinde genügte, wurde am 4. Januar 1914 ein Synagogenbauverein gegründet. Der Erste Weltkrieg und die Inflation verhinderten die Realisierung des in zentraler Lage am Roßmarkt geplanten Synagogenneubaus. Da die Frauenempore zu wenig Sitzplätze bot, wurde der Aufgang 1920 an die Außenwand verlegt, wodurch 50 neue Sitzplätze gewonnen wurden.
Am 10. November 1938 wurde im Novemberpogrom auch die Schweinfurter Synagoge demoliert. Nach der Entweihung der Thorarollen beschlagnahmte die Polizei zahlreiche Ritualgegenstände, die aus den aufgelösten Kultusgemeinden Arnstein, Gochsheim und Ebelsbach nach Schweinfurt überführt worden waren. Da die Synagoge nicht mehr zur Verfügung stand, fanden die Gottesdienst nun im Sitzungssaal der Gemeinde mit jenen Thorarollen statt, die ursprünglich den aufgelösten Gemeinden des Rabbinatsdistrikts gehört hatten. Am 17. August und 14. Oktober 1943 wurde die Synagoge durch alliierte Luftangriffe zerstört.
1970 veranlasste der letzte Schweinfurter Rabbiner Dr. Max Köhler die Überführung der nach der Pogromnacht aus der Schweinfurter Synagoge geborgenen Thorarollen nach London, wo man sie gemäß den religiösen Vorschriften beisetzte.
Am 13. April 1973 wurde ein von Heinrich Söller geschaffener Gedenkstein am ehemaligen Standort der Synagoge, vor dem Rückgebäude der Städtischen Sparkasse enthüllt. Ab dem Jahr 2000 wurde diese Gedenkstätte mehrmals erweitert. In der Straße neben der Gedenkstätte liegen auch die Stolpersteine für die Familie Adler.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Schweinfurt mit Obereuerheim und Werneck, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1554-1611.
- Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 56f.
- Jüdisches Museum München / Museum für Franken in Würzburg (Hg.): "Sieben Kisten mit jüdischem Material". Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute. Berlin/Leipzig 2018, S. 186-188, Nr. 34, S. 205, Nr. 46.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittac, Bd. 3. Fürth 1998, S. 703-705.
