Jüdisches Leben
in Bayern

Roth Synagoge

Das Wohnhaus des Jakob in der Judengasse (heute Kugelbühlstraße 1) beherbergte von 1602 bis 1736 einen Betsaal. Über das ursprüngliche Aussehen von Jakobs Haus, wo genau der Betsaal lag und wie er aussah, ist nichts überliefert. Die erhaltene Bausubstanz stammt im Kern aus dem Jahr 1755 und wurde 1901 im Stil des Historismus umgebaut. Am 14. November 1736 genehmigte der Ansbacher Markgraf Carl Wilhelm Friedrich (reg. 1729-1757) den Neubau einer freistehenden Synagoge in der Judengasse, die am Platz von „Nathan Abrahams Haus“ (heute Kugelbühlstraße 44) errichtet und bereits 1737 eingeweiht wurde. Zwischen der Synagoge und der Stadtmauer stand ein kleiner Holzverschlag, in dem der Leichenwagen der Gemeinde aufbewahrt wurde. Die Umfassungsmauern des typischen mittelfränkischen Sandstein- und Fachwerkbaus haben sich bis heute erhalten.

Im hinteren Teil des lang gezogenen Mehrzweckbaus lag der Betsaal, im Vorderbau befanden sich die Wohnung des Vorsängers/Lehrers sowie ein Unterrichtszimmer. Der geschossübergreifende Betsaal war annähernd quadratisch und lag zwei Stufen unter dem Straßenniveau. Ein Lattengewölbe mit einfachen Stuckverzierungen überspannte den Raum. Der innere Zugang bildete mit Bima und Toraschrein eine senkrechte Achse nach Osten. Die Bima dominierte als zentraler Blickpunkt, nicht zuletzt durch eine prachtvolle barocke Bekrönung aus Schmiedeeisen. Von außen blieb der Synagogenteil bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch seine Butzenscheibenfenster erkennbar, drei im Norden, zwei im Süden, weil sich dort auch die Eingangstür für Männer mit einem kleinen Windfang befand. Die Frauenempore im Westen zog sich über zwei Stockwerke und bestand aus einer Empore sowie einem darunter liegenden, durch ein Holzgitter abgetrenntes Abteil. Nach Aufstellung der fest eingebauten Subsellien im Jahr 1823 bot der Männerraum 50 Plätze inkl. Vorsänger, für die Frauen waren insgesamt 63 Plätze vorgesehen.

Der Unterrichtsraum im ersten Stock des Vorderhauses diente ab 1829 auch als jüdische Elementarschule. Nach einer kritischen Prüfung der staatlichen Schulbehörde im Jahr 1836

verlegte man ihn ins Erdgeschoss und nahm weitere Renovierungsarbeiten vor.

Der Komfort blieb trotz des Umbaus bescheiden, vor allem für die im Haus wohnende Lehrkraft. Eine Stellenausschreibung aus dem Jahr 1908 beschreibt die Situation: „[…] Schulhaus alt, Baulast die Kultusgemeinde; 2stöck., in der Stadt, freundl. Lage. LZ [Lehrerzimmer] part., LW. [Lehrerwohnung] I. St., nicht abgeschlossen; […] Keller kl. aber gut; Waschküche fehlt, ein transportabler Kessel wurde angeschafft; Abort part., ebenso der Schülerabort; Holzlege an der Stadtmauer […] Obst- und Industriegarten nicht vorhanden. Beheiz. und Reinig. des LZ. besorgt d. Lehrer gegen Vergütung“.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließen weitere jüdische Familien Roth, und am 10. September 1935 verkaufte der letzte Gemeindevorstand Abraham Gutmann das Synagogengebäude für 7000 RM an den Brauereibesitzer Rudolf Valentin, dem bereits das Nachbargrundstück Nr. 46 gehörte. Die Ritualien kamen vielleicht nach München, jedenfalls sind sie seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen.

Zwar garantierte Valentin den verbliebenen Bewohnern ein Wohnrecht und versprach, den Betsaal selbst nicht unangemessen zu nutzen, doch noch im selben Jahr verwüsteten wohl SA -Truppen das Gotteshaus. Die Schäden dokumentierte das nationalsozialistische Propagandablatt „Stürmer“ in einem hämischen Artikel. Als Valentin das Gebäude an die Familie Feuerlein verkaufte, wurde die Innenaufteilung durch verschiedene Umbauten stark verändert.

Im Mai 1947 befand sich im ersten Stock eine Wohnung sowie zwei separat vermietete Zimmer, eine Werkstatt im Erdgeschoss (ehem. Schulzimmer) und ein Lagerraum (ehem. Männersynagoge). Die DP-Außengemeinde Roth (1945-1948) forderte von der Kommune die Rückgabe bzw. Überlassung der ehemaligen Synagoge, doch ist nicht bekannt ob das Gebäude überhaupt von DPs genutzt wurde. In den 1990er Jahren wurden im Dachstuhl die Reste einer Genisa aufgedeckt. Das ehemalige Synagogengebäude befindet sich bis heute im Privatbesitz, wird seit 2008 aber auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Bewohner des AWO-Therapiezentrums & Museums Schloss Cronheim fertigten ein maßstabsgetreues Modell der Rother Synagoge an.


(Patrick Charell)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Kugelbühlstraße 44, 91154 Roth

Literatur

  • Angela Hager / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Roth. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 535-541.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 674.

Weiterführende Links