Aufgrund der großen Anzahl jüdischer Familien in Reichenberg darf man davon ausgehen, dass es bereits im 17. Jh. einen gemeinsamen Betsaal im Ort gab. Über seine Lage, sein Aussehen und die Ausstattung existieren keine Informationen. 1795/96 entstand eine neue Synagoge auf dem Grundstück Hausnummer 145 (heute: Schindersberg 11) am nördlichen Ortsrand an der Straße nach Höchberg. Vermutlich stellten die Ritter von Wolffskeel Grund und Boden dafür zur Verfügung. Die Kultusgemeinde ließ über nahezu quadratischem Grundriss einen schmucklosen zweigeschossigen Massivbau mit hohem Zeltdach errichten. Der Zugang erfolgte über einen kleinen Anbau im Nordosten. Der Betsaal bot Platz für 96 Männerstühle im Erdgeschoss und 56 Frauensitze auf der Empore. Für eine anstehende Sanierung der Synagoge beantragte die inzwischen finanziell schwach aufgestellte Kultusgemeinde 1876 eine bayernweite Kollekte. Die genehmigte Sammlung erbrachte die erforderliche Summe zur Durchführung der Reparaturen. In der Synagoge bewahrte man Teile des Toraschreins und einige Ritualien des um 1900 aufgegebenen und später abgerissenen jüdischen Gotteshauses von Rottenbauer auf. 1924 wurden Silbergeräte, Becher und andere wertvolle Ritualien aus der Ausstattung der Reichenberger Synagoge gestohlen.
Beim Novemberpogrom 1938 blieb die Synagoge verschont. Zu schweren Ausschreitung kam es jedoch am 23./24. November 1939. Die Häuser und Wohnungen der jüdischen Mitbürger im Dorf wurden von einer Horde einheimischer Männer verwüstet. Unter Führung des Ortsgruppenleiters drangen sie auch in die Synagoge ein und zertrümmerten die gesamte Innenausstattung. Torarollen und Gebetbücher wurden zerstört und auf die Straße geworfen. Im Betsaal wurde ein Brand gelegt, der aber gelöscht werden konnte. Danach wurde das Gebäude von der Wehrmacht als Lager zweckentfremdet.
Nach dem zweiten Weltkrieg befand sich die ehemalige Synagoge 1946 erst im Besitz der politischen Gemeinde Reichenberg. Die JRSO verkaufte das Haus dann 1949 an das katholische Pfarramt Rottenbauer, die darin eine Kapelle für die Filialgemeinde Reichenberg einrichten wollte. Nach Plänen des Dom- und späteren Diözesanbaumeisters Hans Schädel (1910–1969) wurde der einstige jüdische Kultbau zur katholischen Kirche umgebaut und ab 1950 bis 1972 unter dem Namen „St. Bonifatius“ genutzt. Danach hat man das Gebäude profaniert. Es dient heute als Wohnhaus.
An dem Haus wurde 1974 eine Hinweistafel angebracht mit dem Text: "1797–1938 Synagoge / 1950–1972 Katholische Kirche St. Bonifatius". 1988 wurde eine weitere Tafel hinzugefügt, die an die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert und die Mitschuld an ihrem schweren Schicksal anspricht.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Schindersberg 11, 97234 Reichenberg
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid / Hans-Christof Haas: Reichenberg. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 763-775.
