Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren in Poppenlauer genügend Schutzjuden ansässig, um den Minjan für gemeinsame Gottesdienste zu bilden. Vermutlich existierte damals ein Betsaal in einem privaten Wohnhaus. Vielleicht handelte es sich dabei bereits um die Doppelhaushälfte mit der Haus-Nr. 70 (Plan-Nr. 172, heute Gehrigsgasse 5). Im Kataster von Poppenlauer aus dem 19. Jahrhundert wird das Gebäude seit "unfürdenklicher" Zeit als Besitz der Juden bezeichnet.
1842 wurden erstmals eine Synagoge und eine jüdische Schule erwähnt. Diese Einrichtungen mussten zu jener Zeit repariert werden, doch die Gemeinde hatte keine finanziellen Rücklagen, die sie dafür hätte verwenden können. Daher beantragte sie bei der Regierung die Genehmigung zur Durchführung einer bayernweiten Kollekte. Das betreffende Gebäude stand am Ende der "Gehrigs Gasse". Vermutlich handelte es sich um den nördlichen Teil der oben erwähnten Doppelhaushälfte. Da sowohl das jüdische Gotteshaus als auch die Wohnung des Religionslehrers um die Mitte der 1860er Jahre wiederum große Mängel aufwiesen, wurde damals ein Neubau geplant. Zu diesem Zweck hielt die IKG 1865 erneut eine Kollekte bei den jüdischen Gemeinden im Königreich Bayern und erwarb einen an das Doppelhaus angrenzenden Garten. 1867 entstand ein Mehrzweckgebäude mit Synagoge, Schulsaal und großer Wohnung für den Lehrer und Vorsänger. Seine südliche Hälfte war dem Betsaal mit Frauenempore vorbehalten; im Nordteil waren auf zwei Geschossen der Schul- und Wohnbereich untergebracht. Der Betsaal bot 48 Sitzplätze für Männer, die in zwei Blöcken zur Toranische an der Ostwand hin angeordnet waren. Die Frauenempore an der West- und Nordwand verfügte über 22 Betstühle. Zur Ausstattung gehörten ein barocker Tora-Vorhang und ein wertvoller Kronleuchter aus dem Jahr 1753. Beide Stücke stammten wohl noch aus der Vorgängersynagoge.
Während des Novemberpogrom drangen in der Nacht des 10. November 1938 SA-Leute und Ortsbewohner gewaltsam in die Synagoge ein und zerstörten die Inneneinrichtung, die Ritualien und auch die wertvollen barocken Ausstattungsstücke. Am nächsten Vormittag führte der Volksschullehrer seine Schulkinder in die zerstörte Synagoge und ließ sie dort noch die Gebets- und Gesangbücher zerreißen und restliche Kultgegenstände vernichten. 1940 erwarb die politische Gemeinde Poppenlauer das jüdische Mehrzweckhaus mit Synagoge, Wohnung und Schule zu einem Spottpreis. Hier sollte die Hitlerjugend ein Heim erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gebäude als Kriegsgefangenen-Lager.
Nach 1945 wurden in der einstigen Synagoge (Haus-Nr. 70) Flüchtlinge untergebracht. Der ehemalige Sakralbau und das angebaute Schul- und Wohnhaus (Haus-Nr. 69) waren sanierungsbedürftig. Auf Anordnung des Landrats von Bad Kissingen mussten ehemalige NSDAP-Mitglieder die Reparatur des ehemaligen Betsaals übernehmen. 1950 kam das Anwesen in Privatbesitz und wurde zu einem Wohnhaus mit Schreinerwerkstatt umgebaut. 1956 hat man an der Westseite einen Kinosaal eingebaut, dessen Zugang durch die ehemalige Synagoge führte. Heute dient auch dieser Hausteil wieder als Wohnbereich.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Gehringsgasse 5, 97711 Maßbach
Privatbesitz, nicht öffentlich zugänglich.
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Poppenlauer. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 254-273.
