Jüdisches Leben
in Bayern

Obereuerheim Synagoge

1782 errichtete die Obereuerheimer jüdische Gemeinde mit Erlaubnis der Gräflich Schönborn'schen Dorfherrschaft eine neue Synagoge. Möglicherweise stand sie bereits in der Judengasse südwestlich von Schloss Euerheim. Laut Überlieferung soll auch die Mikwe Teil eines Gebäudes in der Judengasse gewesen sein. Im 1833 aufgenommenen Urkataster wird der jüdischer Kultbau zwar nicht berücksichtigt, das kann jedoch der individuellen Sorgfalt des Kartographen geschuldet sein kann - auch wenn viele Synagogen farblich oder mit einem eingezeichneten Davidstern gekennzeichnet sind, war dies nicht zwingend vorgeschrieben.

Rund 40 Jahre später plante die Obereuerheimer Kultusgemeinde 1871 einen Synagogenneubau auf dem Anwesen 10 am südlichen Ende der Judengasse (heute Hirtengasse 8). Den ersten Plan, den der Erste Bürgermeister und die Obereuerheimer Verwaltung am 16. April 1871 ohne Einwände akzeptierten, hatte der Gerolzhöfer Schreinermeister Johann Frubert gezeichnet. Er sah auf einem rechteckigen Grundriss einen zweigeschossigen Bau mit Satteldach vor. Der im Rundbogenstil gehaltene, durch Lisenen gegliederte Bau sollte auf einem umlaufenden Sockel errichtet werden. Für die Fassade waren zwei lange, geschossübergreifende Fensterbahnen vorgesehen. Einen städtebaulichen Akzent sollten der straßenseitige Giebel und die zwei Gesetzestafeln auf dem Satteldach setzen.

Der von Männern und Frauen gemeinsam genutzte Eingang auf der Nordseite der Synagoge hätte in einen entlang der Westwand angelegten Gang führen sollen, in dessen Mitte der Eingang zur Männersynagoge und an dessen Ende die Treppe zur Frauenempore vorgesehen war. Den auf quadratischem Grundriss zu errichtenden Betsaal, in dem die Plätze der Männer in zwei Blöcken zu je vier Bänken platziert werden sollten, hätte wie auch die leicht auskragende Frauenempore im Westen der Synagoge ein Tonnengewölbe abgeschlossen. Vor der Ostwand waren Thoraschrein und Almemor als Einheit vorgesehen. Nachdem vermutlich die in Schweinfurt ansässige königliche Baubehörde den ersten Bauplan nicht akzeptiert hatte, legte sie im Juni 1871 einen zweiten, später realisierten Plan vor, den P. Strieter unterzeichnet hatte. Der erste und zweite Bauplan unterschieden sich vor allem durch den im zweiten Bauplan vorgesehenen Anbau in der Nord-West-Ecke der Synagoge.

Am 19. November 1871 beauftragte die israelitische Kultusgemeinde den aus Falkenstein stammenden Maurermeister Georg Schmitt mit dem Abbruch des Vorgängerbaus und der Erstellung des Rohbaus. Als Lohn erhielt er unter anderem das beim Abbruch anfallende Baumaterial bis auf die Bänke, den Thoraschrein und den Opferstock. Schmitt erhielt auch den Auftrag, einen neuen Thoraschrein und den „Stand der Vorsänger“ herzustellen. Der Neubau solle laut Vertrag bis zum 1. August 1872 fertiggestellt sein. Als Bausumme wurden 2225 Gulden vereinbart.

Die heute noch erhaltene, ehemalige Synagoge wurde auf einem annähernd quadratischen, rund neun Meter langen und acht Meter breiten Grundriss errichtet. Die durch Lisenen geteilte Fassade ist jeweils in zwei Fensterachsen gegliedert. Bemerkenswert ist die Gestaltung des Ostgiebels, dessen mittlere Lisene sich auf Traufhöhe in zwei schräg verlaufende Bänder gabelt, die die Dachneigung aufnehmen. Hierdurch entsteht ein zentrales Giebelfeld in Form einer liegenden Raute. Das in die Mitte dieser Raute eingesetzte Misrachfenster ist als Davidsstern gestaltet. Heute verloren sind die ursprünglich auf der Firstspitze angebrachten zwei steinernen Gesetzestafeln. Anders als im ersten Plan vorgesehen verfügt der realisierte Bau über einen rund drei Meter breiten und vier Meter tiefen Anbau mit zwei getrennten Zugängen für Männer und Frauen. Im Betsaal, der den ganzen Grundriss einnahm, waren die Sitzplätze in zwei Blöcke zu je sechs Bänken angeordnet. Die auf vier wohl gusseisernen Säulen ruhende, mit einer gefelderten Brüstung versehene Frauenempore umlief den Raum ursprünglich auf drei Seiten. Unmittelbar vor der Ostwand standen der tief in die Außenwand eingelassene Thoraschrein und der Almemor, zu denen zwei Aufgänge mit drei Stufen führten. Weitere Aussagen zur Innenausstattung und zu den verlorenen Ritualgegenständen der Synagoge sind nicht möglich. Mit der Anfertigung des Gestühls, der Stände für die Männersynagoge und der Bänke für die Frauenempore wurde am 2. Juni 1872 Schreinermeister Frubert beauftragt, der bereits den ersten, nicht verwirklichten Plan für den Synagogenneubau vorgelegt hatte. Nachdem das Schweinfurter Königliche Bauamt am 10. Dezember 1872 die korrekte Ausführung des Baus bestätigt hatte, quittierte Frubert am 28. Dezember 1872 den Erhalt seines Lohns.

Nach der Auflösung der israelitischen Kultusgemeinde Obereuerheim 1909 wurde die Synagoge verkauft und in eine Werkstatt umgewandelt. Die Ritualien übernahm zum Teil die Kultusgemeinde Haßfurt. Durch die Profanierung entging die ehemalige Synagoge der Zerstörung im Novemberpogrom 1938. Nach unterschiedlicher Nutzung (Schreinerei, Werkstatt, Abstellraum usw.) ist das Gebäude heute ein Wohnhaus. Ein engagierter Obereuerheimer erwarb im Jahr 1988 die vom Verfall bedrohte ehemalige Synagoge, um diese wieder instand zusetzen. Der Eingang zur Frauen- und Männersynagoge ist noch gut sichtbar vorhanden. Am Giebel befindet sich eine schöner Magen David. Im Inneren sind Spuren der Toranische und Reste der blauen Deckenbemalung erhalten.


(Stefan W. Römmelt)

Adresse / Wegbeschreibung

Hirtengasse 8, 97508 Grettstadt

Literatur

  • Gerhard Gronauer /Hans-Christof Haas: Schweinfurt mit Obereuerheim und Werneck. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1554-1611.