Vermutlich seit den 1660er Jahren besaß die jüdische Gemeinde in Nordheim einen Gebetsraum, der wohl in einem der Gebäudes des "Judenhofs" untergebracht war. Nachdem Nordheimer Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Großteil des "Gelben Schlosses" erworben hatten, richteten sie im Turm des alten Hauptgebäudes eine Synagoge ein. Nachdem die jüdische Gemeinde 1843 die Errichtung einer neuen Synagoge geplant hatte, lagen bereits 1844 Baupläne vor, die aus Geldmangel nicht realisiert wurden. Als Ersatz wurde um 1850 ein Wohnhaus erworben, das in ein Gemeindezentrum mit Synagoge, Lehrerwohnung, Klassenzimmer und Mikwe umgebaut wurde. Die Einweihungsrede am 31. Januar 1852 hielt Rabbiner Wormser aus Gersfeld (Hessen).
Das auf einem längsrechteckigen Grundriss errichtete, rund elf Meter lange und rund acht Meter breite Gebäude mit Halbwalmdach ist nach Südosten orientiert. Auf einem Sandsteinquadersockel sitzen das massiv errichtete Erdgeschoss und das in Fachwerk errichtete Obergeschoss auf. Während sich im Keller des Gebäudes die Mikwe befand, war im Obergeschoss das Schulzimmer und im Erdgeschoss die Synagoge untergebracht, die auch ins Obergeschoss reichte. Über einen Hausflur erreichte man von Nordosten den Betsaal, der mit rund acht Metern Länge rund zwei Drittel des Gebäudes einnahm. Zwei Fenster flankierten den Toraschrein, der in der Mitte der nach Südosten ausgerichteten Giebelwand stand. Laut Harburger handelte es sich bei dem Thoraschrein um einen auf je zwei Säulen ruhenden Aufbau im Empire-Stil. Direkt vor dem Thoraschrein stand der Almemor. Für die männlichen Beter waren 30 Plätze in zwei Bankblöcken mit je drei Reihen zu fünf Sitzen vorhanden. Über eine einläufige Treppe war die Frauenempore im Oberschoss erreichbar, die den Betsaal auf drei Seiten umfing und 22 Plätze bot. An Inventar waren laut Harburger unter anderem der aus Silber gearbeitete Thoraschmuck und ein silberner Thorazeiger vorhanden.
1926 informierte der Kultusvorsteher Bernhard Rosenthal den Bad Kissinger Rabbiner über die Baufälligkeit der Nordheimer Synagoge. Während der Reichspogromnacht drangen die Nordheimer SA-Leute am 9. November 1938 auch in das Gotteshaus ein und zerstörten die Inneneinrichtung. Nachdem die Synagoge am 4. Juli 1939 der jüdischen Kultusgemeinde offizielle entzogen worden war, ließ die Gemeindeverwaltung des Gebäude bis 1939 wieder instand setzen, das am Ende des Weltkriegs als HJ-Heim diente.
Erhalten blieben der Turm des Gelben Schlosses, die 1852 errichtete Synagoge, die Schule und die Mikwe. Seit einigen Jahrzehnten wird die ehemalige Synagoge als Wohnhaus genutzt. Am Schlossturm erinnert eine Gedenktafel an die dort zeitweilig untergebrachte Synagoge. Die über dem Portal des ehemaligen Schulhauses angebrachte Inschrift erinnert noch heute an die ehemalige Bestimmung des Gebäudes.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Gelbes Schloss (Alexander-Hösl-Straße 20) / Judengasse 4, 97647 Nordheim vor der Rhön
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Nordheim vor der Rhön mit Hausen. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 799-818.
