Jüdisches Leben
in Bayern

Nördlingen Synagoge

Im 14. Jahrhundert stand nachweislich ein jüdisches Wohnhaus mit dem ersten Gemeinde-Betraum am Brettermarkt 4, jedoch fiel es 1393 in den Besitz des Antoniter-Ordens und wurde als Kastenhaus genutzt. Eine Synagoge, die schon vor 1348 an der Westseite der Judengasse (Haus Nr. 830, später D 15) stand, wurde nach dem großen Pogrom 1384 von der Stadt beschlagnahmt, aber zu Beginn des 15. Jahrhunderts von einer neuen Kultusgemeinde zurückgekauft. Es handelte sich um einen Massivbau mit Nebenhaus, der in der Ostwand drei schmale Spitzbogenfenster und ein Misrachfenster aufwies. Der Betsaal war mit einem Tonnengewölbe überspannt. Reste dieses mittelalterlichen Gebäudes erhielten sich bis zu einem Brand im Jahr 1914.

Die neue IKG, die sich 1870 offiziell gründen konnte, versammelte sich in den ersten Jahren in einem Wohnhaus in der Kreuzgasse 4/4a. Es wurde zur Synagoge umgebaut und 1870 eingeweiht. Nachdem diese Räumlichkeiten zu klein geworden waren, kaufte die Gemeinde im Jahr 1884 die beiden Anwesen B 153 und B 182 an der Gabelung von Kreuz- und Luckengasse (heute: Kreuzgasse 1). Nach Plänen des städtischen Bauingeniuers Max Gaab wurde auf dem vereinigten Grundstück eine repräsentative Synagoge im neuromanischen Stil mit Doppelturmfassade errichtet. Am 17. September 1886 erfolgte die festliche Einweihung des neuen Gemeindezentrums. Die Stadt Nördlingen hatte dazu einen Zuschuss von 2.000 Mark geleistet. Der Innenraum war vollständig mit Schablonenmalereien orientalischer Ornamente geschmückt. Die reiche und prächtige Innenausstattung wurde von Gemeindemitgliedern und Verwandten im Ausland gestiftet. Zur Kreuzgasse hin war das Grundstück durch ein kunstvolles Schmiedeeisengitter abgegrenzt. Ein kleiner Satteldachbau auf dem Vorplatz im Nordwesten enthielt die Schächterei, eine Waschküche, Holzlager und Abortanlage.

Am Abend des 9. November 1938 zerstörten erst Aktionisten der Hitlerjugend, dann auch erwachsene Bürgerinnen und Bürger die Fenster in der Synagoge. Sie stürmten den Bau und trieben Unfug mit Zylinderhüten, Kultvorhängen und Gebetbüchern. Später wurde im Hof ein Feuer entfacht, in dem Archivalien, Einrichtungsgegenstände und Messutensilien verbrannt wurden. Wertvolle Möbel und Ritualien wurden von den Nationalsozialisten gestohlen und abtransportiert. Demolierte Messing- und Metallgegenstände verkauften sie später an einen Alteisenhändler verkauft. Die jüdische Gemeinde musste ihr Gemeindezentrum 1939 an die Stadt Nördlingen verkaufen und darum ansuchen, die Gottesdienste künftig in der Schulgasse im "Hause des Sigbert" abhalten zu dürfen. In der Stadtratssitzung vom 15. Mai1 939 beschloss man den Abbruch des jüdischen Sakralbaus. Dazu kam es jedoch nicht, weil eine Reichsstelle das Gebäude zur Getreideeinlagerung beschlagnahmte.

Der noch vorhandene ehemalige Besitz der jüdischen Gemeinde wurde der JRSO übertragen. Sie verkaufte die Synagoge 1953 an die evangelische Kirchengemeinde, die sie in ein Büro- und Gemeindehaus umbaute und dabei die Türme und das Nebengebäude abreißen ließ. 1991 ging das Gebäude an das Evangelische Siedlungswerk Nürnberg über, die es 1996 abbrechen ließ und auf dem Grundstück ein Seniorenzentrum erbaute. An seiner Fassade erinnert eine Gedenktafel daran, dass hier einst die Synagoge von Nördlingen stand. Einige künstlerisch wertvolle Kapitelle, die sich vom einstigen Synagogenbau erhalten haben, sind heute im Jüdischen Museum Augsburg Schwaben zu besichtigen. Ein auf das Jahr 1749 datierter, in Augsburg von Hieronymus Mittnacht angefertigter Toraschild aus der Nördlinger Synagoge kam nach 1945 in die Steinhardt Collection New York, und befindet sich seit 2013 im North Carolina Museum of Art.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Literatur

  • Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr. München 2014, S. 117-120.
  • Angela Hager / Hans-Christof Haas: Nördlingen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 511-521.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 622-625.