1784 erwarb die jüdische Gemeinde für 400 Gulden für die neue Synagoge ein abseits vom Ortszentrum im Osten Niederwerrns gelegenes Baugrundstück. Der Bauplatz lag nicht direkt an der Hauptstraße, sondern hinter einer Scheune in zweiter Reihe. Hier wurde nach Plänen eines unbekannten Architekten laut einer Inschrift auf dem Chuppastein 1785/86 eine stattliche Synagoge errichtet. Das Vorbild ist wohl in der 1780 vollendeten Heidingsfelder Synagoge zu suchen, einem barocken Bau des Hofarchitekten Johann Michael Fischer (1692-1766). Die Ähnlichkeiten zeigen sich beispielsweise in der repräsentativen Südfassade, in deren Obergeschoss in Heidingsfeld und Niederwerrn jeweils halbhohe Mezzaninfenster saßen. Ähnlich gestaltet waren auch Details der Innenausstattung wie der Aufbau des von den Gesetzestafeln bekrönten Toraschreins und die Pinienzapfen, die in beiden Synagogen auf die Balusteraufgänge zur achtseitigen Bima aufgesetzt waren.
Obwohl das repräsentative Gebäude 100 Jahre nach seiner Errichtung 1885/1886 und noch einmal 1913 umfassend renoviert wurde, lässt sich der Zustand zur Entstehungszeit aus der bisherigen Forschung gut erschließen. Abgeschlossen wird der über einem rechteckigen Grundriss errichtete, rund 19 Meter lange und rund 12 Meter breite Bau von einem Mansardwalmdach. Als Schaufassade stand nur die frei stehende, auf einem Sandsteinsockel fußende und von zwei Lisenen gerahmte Südfassade zur Verfügung. Deren Wand gliedern sechs auf die Funktion des jeweiligen Gebäudeteils verweisende Fensterachsen: Während den im Osten gelegenen Betsaal drei Fensterachsen belichteten, die im Erdgeschoss hohe Öffnungen und im Obergeschoss halbhohe Mezzaninfenster aufwiesen, belichteten die im Westen der Schaufassade gelegene Frauenempore zwei eng nebeneinanderliegende, hohe Fenster.
Drei Fensterachsen belichteten auch das Erd- und Obergeschoss der Westfassade. Die von drei Fensterachsen und einem in der Mitte liegenden, von zwei Fensterachsen flankierten Misrachfenster belichtete Ostfassade war symmetrisch angelegt. Da ursprünglich eine Scheune an die ähnlich wie die Südfassade gestaltete Nordfassade der Synagoge angrenzte, fehlen dort die beiden Fensterachsen in der Mitte.
Betreten wurde der Betsaal von den Männern ursprünglich durch einen kleinen, auf einen Sandsteinsockel gesetzten und mit einem Satteldach gedeckten Vorbau, zu dem eine achtstufige Freitreppe führte. Der Zugang für die Frauen lag auf der Westseite der Synagoge. Den auf einem rechteckigen Grundriss angelegten, 14 Meter langen und rund zehn Meter breiten, ursprünglich wohl in Weiß gehaltenen Betsaal der Männer schloss eine Flachdecke ab.
Eine breite, von zwei Wangenmauern gefasste Treppe führte zu dem rund drei Meter breiten und rund sieben Meter hohen, aus Werkstein gefertigten Toraschrein, den zwei auf hohen Postamenten stehende, von Pilastern hinterfangene toskanische Säulen flankierten. Auf den beiden Säulen saß ein weit ausladendes Gebälk mit zwei großen Vasen auf. Den Abschluss des geschwungenen Auszugs bildete eine Krone, vor der die beiden Gesetzestafeln angebracht waren. Laut Theodor Harburger waren die Türen und Beschläge des Toraschranks besonders aufwändig gearbeitet.
In der Mitte des Betsaals stand die von zwei dreistufigen Aufgängen erschlossene, rund vier Meter breite, rund drei Meter tiefe und rund einen Meter hohe, bemalte Bima. Wahrscheinlich verfügte der Betsaal ursprünglich in orthodoxer Tradition über Stände, die entlang der Außenwände angebracht und auf die Bima ausgerichtet waren. Wohl zur ursprünglichen Ausstattung der Synagoge gehörten auch mehrere Messinghängeleuchter, sechs Kerzenständer und ein großer Chanukka-Standleuchter, die Theodor Harburger in das 18. Jahrhundert datierte.
Am 31. Dezember 1839 bestimmte eine Regierungsentschließung Niederwerrn zum Sitz eines von sechs Distriktsrabbinaten des Oberrabbinats Würzburg. Das Rabbinat übernahm der Memmelsdorfer Meier (Mayer) Lebrecht, der am 11. Juni 1840 in seiner Antrittsrede als Distriktsrabbiner die aus seiner Sicht zwiespältige Entwicklung des Judentums seit der Mitte des 18. Jahrhunderts beschrieb. Einerseits habe die Aufklärung zwar eine "frische Regsamkeit" in das Judentum gebracht, andererseits seien mit der Aufklärung auch „Unglauben (…) und Gleichgültigkeit gegen das Höhere und Göttliche eingezogen“. Ambivalent stand Meier auch der interreligiösen Offenheit gegenüber, die seiner Meinung nach "zur Verleugnung unserer heiligsten Satzungen, zur Hintansetzung unserer religiösen Gebräuche führen" könne. Positiv bewertete Meier die Entwicklung des Verhältnisses zu den „christliche(n) Mitbrüdern und äußerte die Hoffnung, dass "der Jude nicht mehr als Fremder, sondern als Mitbürger und Bruder gelte". Großen Wert legte Lebrecht auf klare Rechtsstrukturen: 1844 leitete er einen Ausschuss, der neue Gemeindestatuten erarbeitete. Mit deren Inkrafttreten wurde aus der Niederwerrner jüdischen Gemeinde eine "Religionsgesellschaft", der alle in Niederwerrn ansässigen Juden automatisch angehörten. Am evangelischen Vorbild orientierte sich offensichtlich der Niederwerrner Konfirmationsunterricht, für den von 1842 bis 1863 Quellen vorliegen: Am Ende der Vorbereitungszeit stand für die 13- bis 14-jährigen Jungen und Mädchen – auch dies bemerkenswert "die öffentliche feierliche Religions-Prüfung bei gottesdienstlicher Versammlung". Als 1864 das Distriktsrabbinat nach Schweinfurt verlegt wurde, zog auch Lebrecht in die aufstrebende Industriestadt und wirkte dort bis zu seinem Tod 1890.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts gelangten laut Gustav Hammelburger aus der ehemaligen Sommerresidenz der Würzburger Fürstbischöfe in Werneck circa zehn "kostbare Lüster aus Kristall und Messing" in die Niederwerrner Synagoge. Diese waren in den 1920er Jahren noch vorhanden, als Theodor Harburger die Synagoge inventarisierte. 1885 wurden im Betsaal der Synagoge, der zu dieser Zeit einen grünen Anstrich erhielt, laut Harburger die bisherigen Stände durch ein auf den Toraschrein ausgerichtetes Gestühl ersetzt. Dieses bestand aus drei Blöcken: Während der mittlere Block vor und hinter der Bima stand, waren die beiden anderen Blöcke links und rechts von der Bima platziert. Zeitgleich mit dem Gestühl wurde in die Nordostecke des Betsaals eine durch einen Treppenaufgang erschlossene Predigtkanzel eingebaut. Laut Überlieferung fanden auf der Frauenempore 66 Beterinnen Platz.
Am Abend des 10. November 1938 drangen etwa sechs Schweinfurter SS-Männer in die Niederwerrner Synagoge ein. Sie zerstörten die Inneneinrichtung, übergossen sie mit Benzin und verbrannten das Inventar, darunter wertvolle Torarollen und Toravorhänge. Laut Grundbucheintrag ging die ehemalige Synagoge am 21. Juli 1942 in das Eigentum der Reichsgemeinschaft der Juden in Deutschland über. Während des 2. Weltkriegs wurde das Gebäude als Lagerraum genutzt.
Am 22. September 1950 verkaufte die JRSO die ehemalige Niederwerrner Synagoge für 4000 Mark an die politische Gemeinde Niederwerrn, die dort im Herbst 1955 das Kino „Die Filmbühne“ eröffnete. Nach Zwischennutzungen als Werkstatt für Schweißer-Kurse der Industrie- und Handelskammer, Proberaum für Musikgruppen und Abstellraum für Landmaschinen entschloss sich die politische Gemeinde in den 1990er Jahren, die ehemalige Synagoge, an die seit den 1980er Jahren eine Gedenktafel erinnert, in eine Gemeindebibliothek umzubauen. Nach rund eineinhalbjähriger Bauzeit wurde die Gemeindebibliothek, zu der auch ein Ausstellungsraum gehört, am 19. Januar 2001 eingeweiht. Dass bei der Eröffnungsfeier zwar der evangelische und katholische Pfarrer einen christlichen Segen sprachen, aber kein Vertreter der jüdischen Gemeinde eingeladen war, rief einen Protest Dr. Josef Schusters, des Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken, hervor.
Das ehemalige Synagogengebäude ist im Bayerischen Denkmal-Atlas verzeichnet.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Schweinfurter Str. 23, 97464 Niederwerrn
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Niederwerrn. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1409-1443.
- Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 58-60.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 619-621.
