Nachdem 1861 der die Ansiedlung von Jüdinnen und Juden beschränkende Matrikelparagraph aufgehoben worden war, wuchs die Münchner jüdische Gemeinde vor allem durch den Zuzug aus fränkischen und schwäbischen Gemeinden und ab 1880 durch die verstärkte Zuwanderung von Juden aus Osteuropa. Da die Synagoge in der Theaterstraße nicht mehr genügend Platz bot, und man auf alle möglichen Provisorien ausweichen musste, konkretisierten sich nach 1865 die Pläne für den Neubau einer Synagoge. König Ludwig II. von Bayern ermöglichte den Bau im Herzen der Stadt, neben dem Künstlerhaus und der Maxburg. Sie wurde am 16. September 1887 feierlich eingeweiht und 1938 auf direkten Befehl Adolf Hitlers niedergerissen.
Wie bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zog sich die Findung eines geeigneten Bauplatzes in die Länge. Ab 1870 wurde ein Neubau am Wittelsbacherplatz in der Maxvorstadt ausgeschrieben. Renommierte Architekten wie Edwin Oppler, Emil Lange, Albert Schmidt und Freiherr von Riedheim legten der Kultusgemeinde ihre Pläne vor. Aus heutiger Sicht sind vor allem Schmidts Studien von 1878 besonders interessant, denn er hatte eine schlanke, hoch aufragende Synagoge in einem eklektischen Zuckerbäckerstil entworfen, mit maurischen, gotischen und sogar russischen Bauteilen. Das jüdische Gotteshaus wäre am nordwestlichen Ende des Platzes neben dem Palais Arco-Zinneberg errichtet worden, wo heute die Finkenstraße verläuft. Es hätte nicht nur den Wittelsbacherplatz architektonisch dominiert, sondern mit der nahe gelegenen barocken Theatiner-Hofkirche auch eine städtebauliche Tangente gesetzt.
Die repräsentative, nach Osten weisende Hauptfassade beinhaltete nach Schmidts Plänen eine prächtige Toranische und eine gotische Rosette als Misrachfenster. Allerdings untersagten die Behörden aus polizeilichen Gründen das Vorhaben, weil die große Synagoge zu dicht an umgebenden Gebäude angegrenzt hätte - wahrscheinlich waren aber antijüdische Ressentiments der Anwohner für die Ablehnung ausschlaggebend. Nicht realisiert wurden auch die Pläne der Architekten Albert Schmidt und Matthias Berger für einen Neubau auf dem erweiterten Grundstück der alten Synagoge.
Die Lösung brachte die persönliche Intervention König Ludwigs II. von Bayern (reg. 1864-1886), der sich für die Münchner Kultusgemeinde einsetzte. Durch seine Fürsprache konnte der Gemeindevorstand einen an der Maxburg im Stadtzentrum gelegenen Bauplatz für 348.000 Mark erwerben.
Mit dem Projekt wurde ein bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannter, im Sakralbau nicht ausgewiesener Architekt betraut: Albert Schmidt (1841-1932), der bereits erste Entwürfe für den geplanten Bau am Wittelsbacher Platz vorgelegt hatte. Er orientierte sich bei seinen Planungen an den Wünschen der jüdischen Gemeinde und hatte außerdem mehrere Studienfahrten an den Rhein und zur Elisabethkirche in Marburg unternommen. Schmidt griff für seinen historistischen Entwurf nach einer längeren Orientierungsphase auf die Romanik zurück. Er folgte hierin seinem Konkurrenten Edwin Opler, der für den Synagogenbau die vorher üblichen orientalischen Formen ablehnte, und die traditionellen Stile des christlichen Kirchenbaus als Vorbilder für ein kulturell integriertes Gotteshaus favorisierte.
Die im neoromanischen Stil gehaltene Hauptsynagoge bestand aus einer dreischiffigen Emporenhalle ohne Querhaus mit drei Türmen. Die Fassade des Bauwerks orientierte sich am Westchor des Wormser Kaiserdoms und den in der Romanik häufigen Westwerken. Zum Zeitpunkt der Errichtung existierte in Worms auch noch eine der seltenen romanischen Synagogen, so dass Schmidt mit seinem Entwurf tatsächlich auf christliche und jüdische Bautraditionen zurückgreifen konnte.
Zugleich zitierte der Architekt auch das Forminventar der lombardischen Romanik wie Säulenbaldachine, Zwerchgiebel, Friese, Biforienfenster, Wandsäulchen und Blendbögen. Stark beeinflusst von der norditalienischen Romanik war auch der reich gegliederte Ostbau der Synagoge.
Der Innenraum der Synagoge war nach dem Vorbild der Elisabethkirche in Marburg und den Pfalz- und Burgkapellen des deutschen Mittelalters mit gedrungenen Rundpfeilern in der unteren Zone und hohen Gewölbejochen angelegt. Ein dreiteiliges Stufenportal hob den über eine zweiläufige, den Almemor integrierende Treppe erreichbaren Thoraschrein hervor. Auf einen Sichtschutz für die Frauenemporen hatte Schmidt im Sinne des liberalen Reformjudentums verzichtet. Der Innenraumbildete so eine räumliche Einheit, die auch die Stilunterschiede zwischen Romanik und Frühgotik vergessen ließ. So gelang Schmidt eine großzügige, detailreiche und einheitliche Gestaltung der klar disponierten Raumanlage. Die am 16. September 1887 feierlich eingeweihte Hauptsynagoge, die zu dieser Zeit die drittgrößte Synagoge im Deutschen Kaiserreich war, wurde in der Fachwelt positiv aufgenommen und machte Schmidt auf einen Schlag zu den wichtigsten Münchner Architekten. Bereits ein Jahr später wurde er zum Professor ernannt und 1889 als Ehrenmitglied in die Königliche Akademie der Bildenden Künste aufgenommen. Im selben Jahr erhielt Schmidt den Auftrag für die Planung der am Isarufer gelegenen und 1896 vollendeten Lukaskirche am Isar.
Die existenzielle Bedrohung jüdischen Lebens hatte Rabbiner Dr. Leo Baerwald bereits während der 50-Jahrfeier der Synagoge 1937 in seiner Festpredigt zum Ausdruck gebracht. Bereits im folgenden Jahr fiel das monumentale, Architekturgeschichte schreibende Gebäude dem Nationalsozialismus zum Opfer:
Da die Synagoge aus Hitlers Sicht den Blick auf den benachbarte Künstlerhaus beeinträchtigte, befahl er 1938 den Abbruch des Gotteshauses. Während die Orgel in die katholische Kirche St. Korbinian in Sendling gebracht wurde, wo sie am 11. Juli 1944 einem Bombenangriff zum Opfer fiel, konnte die Gemeinde am 8. Juni noch die Thorarollen retten. Am 12. Oktober 1938 kaufte die NSDAP das Grundstück und die Verwaltungsgebäude der Gemeinde. In der Folgezeit blieb das ehemalige Gelände der Hauptsynagoge unbebaut, der Münchner Christkindlmarkt zog für einige Jahre auf das Gelände.Wahrscheinlich in den 1950er Jahren wurden Fragmente der abgebrochenen Hauptsynagoge in der Isar zur Verstärkung des Hochwasserschutzes versenkt. Am 28. Juni 2023 wurden bei Bauarbeiten am Isarwehr an der Großhesseloher Brücke in bis zu acht Metern Tiefe Fragmente des einstigen Thoraschreins und andere bauliche Überreste entdeckt. Der Bauplatz der Hauptsynagoge wurde später durch eine Erweiterung des Kaufhauses Oberpollinger überbaut. Auf einem frei gebliebenen Platz steht seit 1969 ein großer Gedenkstein des Künstlers Herbert Peters, der an die Zerstörung der Hauptsynagoge und die Auslöschung der Münchner Kultusgemeinde durch die Nationalsozialisten erinnert. Er zeigt einen Magen David, sowie auf deutsch und hebräisch den Psalm 74,18: "Gedenke dies - der Feind höhnte Dich".
(Stefan W. Römmelt | Patrick Charell)
Eine virtuelle Rekonstruktion der Synagoge an der Herzog-Max-Straße (Copyright Technische Universität Darmstadt - Fachgebiet Digitales Gestalten).
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Herzog-Max-Straße 7 (Mahnmal), 80333 München
Literatur
- Richard Bauer / Michael Brenner (Hg.): Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2006, S. 99-101.
- Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet CAD in der Architektur / Manfred Koob (Hg.): Synagogen in Deutschland. Eine virtuelle Rekonstruktion. Basel / Boston / Berlin 2004, S. 130-137.
- Landeshauptstadt München (Hg.) / Benedikt Weyrer: München 1933-1949. Stadtrundgänge zur politischen Geschichte. München 1996, S. 14-20.
- Carl Seitz / Max Ravizza: Plan Monumental von München (Detail: Synagoge am Maximiliansplatz). Chromolithografie, München um 1900. BSB, Mapp. XI,467 ikf.
Weiterführende Links
- Die neue Synagoge in München: entworfen und ausgeführt von Albert Schmidt, 1889
- Rabbiner Dr. Cossmann Werner, Antrittspredigt, gehalten in der Synagoge zu München am 22. März 1895
- Die Alte Münchner Hauptsynagoge (Jüdisches Museum München - Blog)
- Andrea Schlaier: Überreste der einstigen Münchner Hauptsynagoge in der Isar entdeckt (SZ 5.07.2023)
