Jüdisches Leben
in Bayern

München 1, Judengasse (1380-1442) Synagoge

Nachdem der Jude Sanbel Hainrich Stupf am 4. August 1380 sein Haus auf der Nordseite der Judengasse für 200 Gulden verpfändet hatte, übertrug er das Gebäude seiner Gemeinde. Diese richtete dort die erste nachweisbare Münchner Synagoge ein. Zuvor hatten alle Münchner Juden fünf Prozent ihres Vermögens entrichten müssen, um die Immobilien für die dort geplante Synagoge sowie ein Hospital erwerben zu können. Möglicherweise befand sich im Keller der Synagoge auch eine Mikwe, über die weitere Ausstattung ist jedoch nichts bekannt. Nach der Ausweisung der Juden aus München im Jahr 1442 schenkte Herzog Albrecht III. die Synagoge seinem Leibarzt, dem Humanisten Dr. Johannes Hartlieb (um 1400-1468).

Im Keller, also womöglich der Mikwe des ehemaligen jüdischen Gotteshauses ließ Johannes Hartlieb um 1442/44 eine Kapelle einrichten und Unserer Lieben Frau (Maria) weihen. Dieses Vorgehen und vor allem das Marienpatronat entspricht dem gängigen Muster nach der Vertreibung einer jüdischen Gemeinde. Im Laufe der Zeit hatte das Gotteshaus wenigstens drei Gnadenbilder: Ein gnadenreiches Jesuskind, ein Bild des Geheimen Leidens Jesu und ein Vesperbild (Pietà). Das Bild des Geheimen Leiden Jesu stellte Christus dar, an den Füßen, Armen und am Hals gekettet auf einem Dreikant sitzend wie in der Folter. Ein weinender Engel hiel das Spruchband "Am Jüngsten Tag wird alles offenbar". Der bedrohliche Charakter des Folterbildes muss in der dunklen "Gruftkapelle" noch unheimlicher gewirkt haben. Das Motiv des Leidens Christi könnte als nachträgliche Legitimation für die Verbrechen an den Münchner Juden gedient haben (Peter B. Steiner). Das Hauptgnadenbild war ein das Vesperbild, das die trauernde Muttergottes mit dem Leib ihres Sohnes Jesus nach der Kreuzabnahme zeigt. Zur ihrer Verehrung kamen so viele Gläubige, dass der Arzt Dr. Hans Hartlieb über der Gruftkapelle eine zusätzliche Wallfahrtskirche bauen ließ ("Oberkirche"). Im 17. Jahrhundert wurden jährlich bis zu 4000 Messen gelesen. Beide Sakralbauten zusammen waren das "Neustift", das bis zur Säkularisation 1803 von den Benediktinern aus Kloster Andechs betreut wurde.

Die ehemalige Judengasse hieß daher zunächst Neustiftgasse, später dann Gruftgasse und -straße. Das gesamte Areal wurde im Zweiten Weltkrieg durch Fliegerbomben zerstört und nach Kriegsende planiert. Später diente die Freifläche als Innenstadtparkplatz. Für die Olympischen Sommerspiele 1972 wurde die Fläche begrünt. Im Gedenken an die Gruftkapelle / ehem. Synagoge ist der kleine Park seitdem unter dem inoffiziellen Namen "Marienhof" bekannt. Bei den Baumaßnahmen zur Erweiterung des öffentlichen Verkehrsnetzes ("Zweite Stammstrecke") legte das Landesamt für Denkmalpflege Reste der Fundamente des mittelalterlichen Viertels frei, Spuren der Synagoge oder Mikwe wurden jedoch nicht entdeckt.


(Stefan W. Römmelt | Patrick Charell)

Literatur

  • Angela Hager / Frank Purrmann: München. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm uns Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. I: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 360-385.
  • Michael Brenner: Jüdisches München. München 2006.
  • Helmuth Stahleder: Die Münchner Juden im Mittelalter und ihre Kultstätten. In: Wolfram Selig (Hg.): Synagogen und jüdische Friedhöfe in München. München 1988, S. 11–34.
  • Peter Steiner: Altmünchner Gnadenstätten. Wallfahrt und Volksfrömmigkeit im kurfürstlichen München. München / Zürich 1977, S. 28f.
  • Stadtarchiv München (Hg.) / Andreas Burgmaier / Gustav Schneider (Illustrationen): Häuserbuch der Stadt München, Bd. I: Graggenauer Viertel. München 1958, S. 80.