Über eine Synagoge der jüdischen Gemeinde, die in der Stadt im 14. und in der ersten Hälfte des 15. Jh. ansässig war, gibt es keine Nachrichten. Die jüdischen Familien, die sich ab 1861 in Memmingen ansiedelten, feierten ihre Gottesdienste anfangs im Rückgebäude des Hauses Nr. 108 (das sog. Kaufhaus) in der Fuggergasse, in einem Saal mit Nebenzimmer im 2. Stock. Nachdem dieser Betraum zu klein geworden war, mietete man ab Mai 1879 einen Teil des Nordflügels im Erdgeschoss des Fuggerbaus an. 1907 wurde die Errichtung einer eigenen Synagoge beschlossen, das Kohn´sche Anwesen Nr. 391 ½ am westlichen Stadtrand (heute: Schweizerberg 17) erworben und der jüdische Architekt Max Seckbach aus Frankfurt mit dem Entwurf beauftragt.
Der Massivbau mit Elementen neobarocker Architektur konnte am 8. September 1909 mit einem eindrucksvollen Festprogramm, das sich im Stadtarchiv Memmingen erhalten hat, eingeweiht werden. Neben dem zentralen Betsaal mit Orgel und Sängerempore im Obergeschoss waren in ihm auch Räume der jüdischen Gemeinde, sowie das Zimmer des Kantors untergebracht.
Während der Novemberpogrome 1938 erfolgte auf Befehl des NSDAP-Kreisleiters der Abbruch der Synagoge. Am Nachmittag des 10. November 1938 drangen die Nationalsozialisten in das Gebäude ein, demolierten die Bundeslade und zerstörten die gesamte Inneneinrichtung, so dass nur noch ein Trümmerhaufen aus Steinen, Holz und Schutt übrig blieb. Auf dem Hof zwischen der Synagoge und dem Lehrerhaus brannte ein Feuer, in dem Möbelstücke, Gebetbücher, Akten und Papiere vernichtet wurden. In der folgenden Woche vollzog man die Sprengung der Ruine. Für die Abbrucharbeiten ihres Gotteshauses musste die jüdische Gemeinde 12.000 Reichsmark bezahlen. Danach trafen sich die Israeliten nur noch unregelmäßig zum Gebet in verschiedenen Privaträumen.
Das Grundstück, auf dem sich früher die Synagoge befand, fiel nach dem Zweiten Weltkrieg erst in den Besitz der JRSO und wurde 1951 nach Abschluss der Restitution an die Lech-Elektrizitätswerke AG verkauft. Diese errichtete 1963 ein Verwaltungsgebäude, wobei die Fläche der zerstörten Synagoge über das Grundstück hinaus ragt und vom modernen Straßenverlauf beschnitten wird. Seit den 1980er Jahren erinnert ein Gedenkstein an den Standort der Synagoge, der 1998 durch zwei große Tafeln mit den 106 Namen jener Memminger Jüdinnen und Juden erweitert wurde, die zwischen 1941 und 1945 der NS-Diktatur zum Opfer fielen. Auf der freien Straßenfläche wurde ein Teil des Grundrisses der Synagoge im originalen Maßstab eingelassen.
Im Jahr 2010 schloss die LEW ihren Standort. Der Memminger Stadtrat genehmigte den Neubau eines Gastronomiegebäudes, der angrenzende Verwaltungsbau wurde anschließend vom Investor in ein Hotel verwandelt. Alternative Lösungen und Ideen zu einer nicht-kommerziellen Nutzung des Geländes fanden im Stadtrat leider keine Mehrheit, auch der Gedanke eines Wiederaufbaus der Synagoge blieb nur vage im Gespräch. Das Mahnmal wurde schließlich durch Hecken vom Außenbereich der 2012 eröffneten Brauerei abgeschirmt. So kommt es, dass auf dem Standort der Synagoge, wo einst der Toraschrein stand, heute ein Biergarten betrieben wird.
(Christine Riedl-Valder | Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben. München 2014, S. 123-128.
- Angela Hager / Hans-Christof Haas: Memmimgen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 504-510.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 386f.
