Jüdisches Leben
in Bayern

Mellrichstadt Synagoge

Spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden jüdisch Gottesdienste in einem Mellrichstädter Privathaus abgehalten. Eine eigene Synagoge erhielt Mellrichstadt 1845, nachdem der Jude Sacki der Gemeinde sein Wohnhaus vermacht hatte, um darin eine Synagoge einzurichten. Im Obergeschoss wurde der rund 50 Quadratmeter große Betsaal eingerichtet. Im selben Gebäude, in dem vermutlich auch der Religionsunterricht stattfand, lag auch die Wohnung des Religionslehrers. 1873 beschloss die Kultusgemeinde den Bau einer neuen Synagoge, weil der bisherige Betsaal nicht mehr die räumlichen und hygienischen Ansprüche erfüllte. Durch eine landesweite Kollekte wurde die Finanzierung abgesichert und der Bauplan schließlich 1880 genehmigt.

Die auf einem quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von jeweils zwölf Metern errichtete, von einem Walmdach abgeschlossene Synagoge im Rundbogenstil stand frei an der Mellrichstädter Hauptstraße. Mit dem mittleren, durch einen Dreiecksgiebel ausgezeichneten Fassadenteil, der das Hauptgesims risalitartig überragte, und dem Ostgiebel über der Thoraapsis setzte das Gebäude einen markanten Akzent im Ortsbild Mellrichstadts. Das breite und hohe Rundbogenfenster des Mittelrisalits, das mehr als zwei Drittel der Höhe einnahm, gipfelte in einem Maßwerkkreis, den ein achtzackiger Stern füllte. Ein Gurtgesims teilte die Fassade in zwei durch die architektonischen Formen hierarchisch differenzierte Geschosse. Das mit schlichten Fensterformen versehene Untergeschoss bildete das Souterrain. Das Obergeschoss wurde durch sehr hohe Rundbogenfenster belichtet, die direkt auf dem Gurtgesims aufsaßen. Den oberen Wandabschluss bildete das von Konsolen getragene Hauptgesims. Die Einweihungsfeierlichkeiten für das neue Gotteshaus fanden am 16. und 17. September 1881 statt. 18 Jahre später veröffentlichte Kultusvorsteher M. Adler eine Synagogenordnung, die bei Verstößen auch die Verhängung eines Strafgelds vorsah. Um 1910 erhielt die Synagoge eine elektrische Beleuchtung. 1928 ließ die Kultusgemeine in die Synagoge eine Heißluftheizung einbauen.

Rund sechs Wochen vor der Reichspogromnacht kam es in Mellrichstadt am 30. September 1938 zu einer in der Literatur als „verfrühte Reichskristallnacht“ bezeichneten antisemitischen Ausschreitung, an der maßgeblich in Mellrichstadt untergebrachte Flüchtlinge aus dem Sudetenland beteiligt waren. Rund 40 bis 50 Personen drangen in die Synagoge ein, verwüsteten die Inneneinrichtung und zerschlugen die Fensterscheiben. Die Ritualien wie die Thorarollen und die Gebetbücher wurden verbrannt oder entwendet. Einige Stunden später drang eine Menschengruppe erneut in die Synagoge ein und vollendete das Zerstörungswerk. Die Überreste der Ritualien begrub die Kultusgemeinde auf dem jüdischen Friedhof.

Nachdem die Kultusgemeinde ihre Synagoge am 29. November 1938 für einen Spottpreis von 200 Reichsmark an die Stadt Mellrichstadt verkauft hatte, wurde das funktionslose Gebäude 1939 abgebrochen. Auch die Mikwe wurde 1939 abgebrochen und durch ein Gartenhaus ersetzt.

Im Juni 1948 fand in Schweinfurt ein Prozess gegen die Randalierer statt, die die Synagoge am 30. September 1938 verwüstet hatten. Die höchste Strafe sah für einen Täter zwei Jahre Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte vor.

Die Fundamente der Synagoge wurden 1948 im Rahmen einer Straßenerweiterung beseitigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete die Stadt auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge ein Behelfsheim, das 1965 durch ein noch heute bestehendes Wohn- und Geschäftshaus ersetzt wurde. 1988 brachte die Gedenktafel eine Gedenktafel an, die an die jüdische Gemeinde erinnert. Der Platz trägt zu Ehren des einstigen Wohltäters der Stadt den Namen "Nathan-Stern-Platz". Zu den Beständen des Museums für Franken gehört seit den 1960er Jahren eine dreiteilige Schabbatlampe, die vermutlich aus dem Inventar der jüdischen Gemeinde Mellrichstadt stammt.  


(Stefan W. Römmelt)

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Mellrichstadt. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 760-798.
  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 84-88 u. 99-101.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 384.