Spätestens ab den 1760er Jahren konnte die jüdische Gemeinde in Klingenberg den Minjan für gemeinsame Gottesdienste erfüllen. 1768 ist in den Quellen nämlich eine Synagoge erwähnt, in der es damals zu Handgreiflichkeiten kam. Grund dafür war die umstrittene Finanzierung des jüdischen Vorsängers und Schulmeisters in der Stadt. Ein Klingenberger Amtsbericht erwähnt 1781 ebenfalls eine Synagoge, die sich im Privathaus eines Juden befunden haben muss. Über Lage und Ausstattung dieses Betsaales liegen jedoch keine weiteren Informationen vor.
Im Jahr 1811 wurde eine Synagoge in einem Hinterhof-Gebäude mit der Hausnummer 44 (heute hinter Lindenstraße 13) eingerichtet. Dieser Betsaal, der Sitzplätze für 21 Männer bot, wurde von den Klingenberger und Röllfelder Juden gemeinsam genutzt. Im späten 19. Jahrhundert erfolgte im Geist des Reformjudentums ein Umbau des Innenraumes, wobei der Almemor, der zuvor in der Mitte der Synagoge gestanden hatte, in die Nähe des Toraschreins gerückt wurde.
Am Abend des 10. November 1938 zog ein Mob aus rund 50 NS-Parteimitgliedern, angeführt vom Klingenberger Bürgermeister, durch den Ort. Sie verwüsteten die Häuser der jüdischen Familien und demolierten auch die Synagoge. Deren Fenster wurden zerstört, der Innenraum geplündert und anschließend die gesamte Einrichtung zerschlagen und vernichtet. Einige der Ritualgegenstände kamen in das örtliche SA-Büro. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt. 1939 erwarb die Stadt pro forma den Gebäudeanteil, der im Besitz der Kultusgemeinde gewesen war. Über dessen weitere Nutzung ist nichts bekannt.
Ab 1949 wurde das Gebäude als Garage eines Gasthauses genutzt und erwies sich bereits als stark baufällig. Die Stadt Klingenberg erwarb gegen Zahlung einer Entschädigung das Grundstück und ließ das Haus um 1950 abreißen. Am 9. November 2008 wurde auf einer Grünfläche in der Nähe der einstigen Synagoge eine Gedenktafel enthüllt. Sie trägt die Inschrift: "In Klingenberg a. Main bestand bis zum Jahre 1939 eine jüdische Kultusgemeinde mit einer Synagoge in der Lindenstraße. Zur Erinnerung und Mahnung." 2018 wurde die Freifläche anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome städtebaulich ertüchtigt und zum "Synagogenplatz" umgestaltet. Klingenberg nimmt außerdem an der Initiative DenkOrt Deportationen Würzburg teil und hat am Synagogenplatz eine Skulptur in Form eines Koffers installiert, mit der an die Deportation der jüdischen Familien über Würzburg hin in den Osten erinnert wird. Das Gegenstück des Koffers steht auf dem zentralen Mahnmal am Würzburger Bahnhofsplatz.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Synagogenplatz, 63911 Klingenberg am Main
Literatur
- Axel Töllner: Klingenberg. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 436-443.
