Eine Hüttenheimer Besonderheit stellt das Ensemble aus zwei ehemaligen Synagogen dar, die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen sind. 1715 richteten die Schutzjuden an den Fürsten von Schwarzenberg das Gesuch, in einem jüdischen Wohnhaus eine Synagoge einrichten zu dürfen, da sie ihre alte Synagoge (Standort unbekannt) zuvor an einen christlichen Hüttenheimer verkauft hatten. Die Wiener Kanzlei des Fürsten Schwarzenberg erteilte die Erlaubnis noch im selben Jahr. Die jüdische Gemeinde richtete im Dachgeschoss die Synagoge ein, im Erdgeschoss die Lehrerwohnung und grub im Keller eine Mikwe frei.
Rund 50 Jahre später war die alte Synagoge, die auch "Vorsängerhaus" genannt wird, baufällig geworden. Deswegen richteten die Hüttenheimer Juden 1753 an den Fürsten von Schwarzenberg das Gesuch, eine neue Synagoge mit den gleichen Rechten errichten zu dürfen. Nach dem positiven Bescheid vom 7. Juli 1753 begannen die Bauarbeiten, die 1754 abgeschlossen waren. Die neue. aus Stein errichtete Synagoge grenzt an den Ostgiebel des "Vorsängerhauses" an. Das zweigeschossige Gebäude mit Mansarddach wirkt repräsentativ und überragt die Häuser der Umgebung. Der in der Westwand der ehemaligen Synagoge eingelassene Chuppastein ist heute stark beschädigt. Ursprünglich zeigte er einen flammenden Stern oder eine Sonne mit einer hebräischen Inschrift aus den sieben Segenssprüchen zur Hochzeit: "Stimme des Jubels und Stimme der Freude, Stimme des Bräutigams, Stimme der Braut". Eine Tür in der Südwand ermöglichte den Frauen den Zugang zur Frauenempore, die sie über eine Treppe erreichten.
Die Männersynagoge nahm zwei Drittel der Synagoge ein und wurde von einem Tonnengewölbe abgeschlossen. Zu dem steinernen Toraschrein an der Ostwand führten zwei Stufen. Zu dem achteckigen Almemor und dem Vorlesepult führten ebenfalls jeweils zwei Stufen. Fünf Messinghängeleuchter und acht große Messingblaker erleuchteten die Synagoge.
Während des Zweiten Weltkriegs diente die Synagoge als Quartier für rund zwölf vermutlich ukrainische Zwangsarbeiter der Firma Knauf. Der Verbleib der Kultgegenstände aus der Hüttenheimer Synagoge ist unklar. Nach Kriegsende lebten zunächst Heimatvertriebene im ehemaligen Synagogengebäude, dann wurde es zu einer Lagerhalle umgebaut. Bis auf den Hochzeitsstein ist die Ausstattung der Synagoge völlig verloren. 1987 ließen die Denkmalbehörden den Bestand der Synagoge erfassen und eine Notsicherung durchführen.
Nach der Übernahme der ehemaligen, einsturzgefährdeten Synagoge durch das geschichtsbewusste Ehepaar Kalbhenn-Link 1995/1996 wurden die Einbauten in der ehemaligen Synagoge entfernt und das saniert. Die Sanierung des Gebäudes wurde 2009 mit der Denkmalschutzmedaille ausgezeichnet. Die beiden Synagogen bilden jetzt ein in Unterfranken einzigartiges Ensemble. Das Engagement der neuen Eigentümer wurde 2009 mit der Bayerischen Denkmalschutzmedaille gewürdigt.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Hüttenheim 23, 97348 Willanzheim
Literatur
- Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Hüttenheim mit Bullenheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1020-1038.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 301.
