Jüdisches Leben
in Bayern

Höchheim Synagoge

Laut einem Protokoll einer Versammlung der jüdischen Gemeinde vom 6. Juli 1787 existierte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Synagoge in Höchheim, die die jüdische Gemeinde laut Grundsteuerkataster bereits am 29. Mai 1769 von dem Dorfherrn Karl von und zu Bibra für 750 Gulden erworben hatte. Zur Entstehungszeit der Synagoge lag das eingeschossige Gemeindehaus, zu dem die Synagoge gehörte, am südlichen Ortsrand. Durch den Südteil des von einem Satteldach abgeschlossenen Gemeindehauses führte eine mittig angelegte Durchfahrt in den dahinter liegenden Hof mit den Nebengebäuden, einer Holzhalle und den Abortanlagen. Das Vorbild für den ungewöhnlichen Bautypus ist wahrscheinlich in Gutshöfen und Bauernhäusern zu suchen.

Während das Schulhaus mit der Wohnung des Lehrers westlich der Durchfahrt lag, war die rund zehn Meter tiefe Synagoge im östlich der Durchfahrt gelegenen Trakt untergebracht (heute Grundstück Gollmuthhäuser Straße 10). Der Zugang zur Männerabteilung erfolgte von der Durchfahrt und der Zugang zur Frauenabteilung von der Nordseite des Hofs. Der Grundriss der Synagoge und die Anordnung der Frauenabteilung im Norden des Männerbetsaals orientierten sich möglicherweise an den Synagogen von Reckendorf, Memmelsdorf und Veitshöchheim, die um 1730 errichtet wurden. 1831 erwarb die jüdische Gemeinde für 30 Gulden am Dorfgraben ein kleines Grundstück für die Anlage einer Mikwe. Laut einer Bestandsaufnahme von 1833 war der von einem Tonnengewölbe abgeschlossene Männerbetsaal der Synagoge rund sieben Meter lang und sechs Meter breit. Der an der Ostwand angebrachte und durch einen Standerker ausgezeichnete, von zwei Säulen flankierte Toraschrein war über vier Stufen zu erreichen. Laut dem Umbauplan von 1907 lag die quadratische Bima im Zentrum des Männerbetsaals, der gemäß einer nach dem Zweiten Weltkrieg erstellten Bestuhlungsplan der JRSO über 40 Sitzplätze in zwei Bankreihen verfügte. Die rund sieben Meter lange und rund drei Meter breite, vermutlich durch eine Fachwerkkonstruktion vom Männerbetsaal getrennte Frauenabteilung bot 20 Personen Platz.

Bis zur Reichspogromnacht fanden in der Höchheimer Synagoge Gottesdienste statt. In der Nacht des 9. November 1938 schlugen bisher unbekannte Täter die Fenster der Synagoge ein und zerstörten die Inneneinrichtung und den Großteil der Ritualien, zu denen unter anderem zwölf Thorarollen und -mäntel, zwei Thorakronen und ein Chanukka-Leuchter gehörten. Zwei gerettete Thorarollen übergab der Höchheimer Bürgermeiser Emil Zinßler an Benno Strauß, der sich mit seiner Familie auf die Ausreise in die USA vorbereitete. Strauß' Sohn Heinz Martin, der sich in den USA Strauss nannte, übergab eine der beiden Rollen an die Synagogengemeinde in Harrison im Staat New York. Das äußerlich unversehrte Synagogengebäude erwarb 1939 oder 1941 die Kommune Höchheim für 800 Reichsmark.1958 benutzte der in der Nachbarschaft ansässige Landwirt Arno Funk den Betsaal der Synagoge als Viehstall. Zwölf Jahre später wurde die Synagoge 1970 abgerissen. An ihrer Stelle steht heute der evangelische Kindergarten. Seit den 1980er Jahren erinnert eine Gedenktafel am Höchheimer Rathaus an die ehemalige jüdische Kultusgemeinde und die verschwundene Synagoge.


(Stefan W. Römmelt)

Literatur

  • Gerhard Gronauer/ Hans-Christof Haas: Höchheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 699-713.