Jüdisches Leben
in Bayern

Heßdorf Synagoge

Ein erster Beleg für einen gemeinsamen Betraum in Heßdorf existiert aus dem Jahr 1720. Damals gab es sieben jüdische Haushalte im Ort. Diese Synagoge war vermutlich der Vorläuferbau des späteren jüdischen Gemeinde- und Schulhauses in der Fußgasse. Ab 1818 gab es auch in Heßdorf Bestrebungen zur Anschaffung einer neuen Synagoge, nachdem die Distriktskommission die Baufälligkeit des alten Sakralbaus festgestellt hatte. Am nördlichen Ortsrand stand dafür als Bauplatz das Grundstück zwischen der Fußgasse 6 und 4 (alte Haus-Nr. 48) zur Verfügung. Die Pläne dazu lieferte der damalige Kreisbaurat des Untermainkreises Bernhard Morell (1785‒1857). Er entwarf einen zweigeschossigen Massivbau mit Satteldach über längsrechteckigem Grundriss.

Die qualitätvolle Formensprache im Empire-Stil, die v.a. an der Fassade zum Ausdruck kam, teilte sie mit der Arnsteiner Synagoge. Die Einweihung des jüdischen Gotteshauses erfolgte am 22. Oktober 1821. 1913 führte die mittlerweile verarmte jüdische Gemeinde eine notwendig gewordene Renovierung durch. Die Ausgaben dafür konnten nur mühsam aufgebracht werden.

Aufgrund des Mitgliederschwunds hat man die Gottesdienste ab 1937 nur noch gemeinsam mit den Juden aus Adelsberg abgehalten; Sabbat-Gottesdienste fanden nun abwechselnd in den Synagogen an beiden Orten statt. Am Nachmittag des 10. November 1938 drang ein SA-Trupp, der vorher schon in Gemünden und anderen Orten gewütet hatte, in die Synagoge ein, plünderte die Wertgegenstände und zerstörte die gesamte Inneneinrichtung. Die Torarollen waren zuvor in Sicherheit gebracht worden. Die Nazis entdeckten später im Haus des Leo Wechselbaum 13 Gesetzesrollen, die sie verbrannten. Der Synagogenbau ging am 15. November 1938 in das Eigentum der Gemeinde über. Dachziegel, Baumaterial und Teile der verbauten Inneneinrichtung (Balustrade, Vertäfelung) wurden in der Folgezeit weiterhin entwendet.

Nach Artilleriebeschuss im Frühjahr 1945 mussten das Dach und die Wände teilweise abgetragen werden, um einen Einsturz der ehemaligen Synagoge zu verhindern. Das Landratsamt stellte 1951 fest, dass die Ruine wohl nicht mehr aufgebaut werden kann. Den Abbruch führte der neue Besitzer, der das Grundstück von der JRSO erworben hatte, erst im Jahr 1960 durch.

 

(Christine Riedl-Valder)

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Heßdorf mit Höllrich. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 179-191.
  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 60-62.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 288.