Jüdisches Leben
in Bayern

Haßfurt Synagoge

Über religiöse Einrichtungen der Kultusgemeinde Haßfurt ist bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nichts bekannt. Im 17. Jahrhundert lassen großzügige religiöse Stiftungen der Haßfurter Kultusvorstände an die Synagoge von Kleinsteinach darauf schließen, dass zumindest bei besonderen Gelegenheiten dieses für seine Gelehrsamkeit weithin respektierte Gotteshaus mit genutzt wurde. Gemäß einem Artikel im "Israelit" vom 26. April 1876 soll sich seit damals "mehr als hundert Jahren" ein Betraum im Haus Nr. 207 (heute Hauptstraße 14) befunden haben. Dabei handelte es sich offenbar um eine unzureichend belichtete Bodenkammer im Dachstuhl, welches man nur über eine Treppe mit 36 Stufen erreichen konnte. Der Raum wurde trotz seines Aron Ha-Kodesch nicht als "Synagoge", sondern nur als "Cheder" (Studier-Zimmer). Das Haus gehörte bis 1834 dem Spezereien- und Weinhändler Israel Heßlein, dann schenkte er es seinem Enkel Heßlein Lonnerstädter. Dessen Erben wiederum verkauften das ganze Anwesen 1876 an einen Christen und behielten der jüdischen Gemeinde nur mehr ein Nutzungsrecht von 10 Jahren vor, weil ohnehin der Bau einer richtigen Synagoge geplant wurde.

1887 ersteigerte die Kultusgemeinde das Grundstück Nr. 207 von den Erben des verstorbenen Gemeindemitglieds Brendel Dessauer, und wenig später das an der Stadelgasse gelegene Nachbargrundstück 208, auf dem nur eine Scheune stand. Auf diesem zusammengelegten Bauplatz von 330 qm erbauten die Haßfurter Juden in den Jahren 1887/1888 einen zweigeschossigen Massivbau mit dem ortsüblichen Walmdach (heute Schlesingerstraße 9). Im Gebäude wurde als kompaktes Gemeindezentrum nicht nur die Synagoge eingerichtet (Osten), sondern auch ein Schulraum und die Lehrer-/Vorsängerwohnung (Ecklage im Westen). Ein Flur mit einem zweiläufigen Treppenhaus teilte das Haus in der Mitte. Von außen wiesen von der Straße her bereits zwei hohe Rundbögen auf den sakralen Teil des Gebäudes hin. Der Haupteingang an der Schlesingerstraße und ein Hintereingang vom Synagogenhof führten in den Flur. Über die Treppe gelangten die Frauen auf ihre Empore an der Nord- und Westseite des Betsaals. Die Synagoge bot 80 Männern und 40 Frauen Platz, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr ausreichte.

1906/07 wurde die Synagoge im Gemeindezentrum umgebaut. Umbaupläne oder genauere Informationen aus dieser zeit haben sich nicht erhalten. Für eine echte Erweiterung, wie es oft in der Literatur zu lesen steht, hätte der Platz schwerlich ausgereicht, daher dürfte es sich vor allem um eine innere Neugestaltung des Betsaals gehandelt haben. Außerdem wurde am Synagogenhof eine Abortanlage errichtet. Am hebräischen Neujahrsfest zum 1. September 1907 konnte di Kultusgemeinde Haßfurt ihre Synagoge wieder beziehen und zelebrierte einen Festgottesdienst. Am 10. November zerstörte ein von SA-Leuten angestachelter Mob die Inneneinrichtung und verbrannte sie vor der Synagoge auf der Straße, zusammen mit der Einrichtung der Schule. Anschließend musste die Kultusgemeinde selbst die Aufräumarbeiten übernehmen. Am 22. September 1939 erwarb das Land Bayern die Synagoge und plante dort das Vermessungsamt Unterfranken einzurichten. Der weitere Kriegsverlauf vereitelte alle Pläne. 1952 kaufte ein Schreinerbetrieb das Gebäude von der JRSO und ließ es bis 1955 zur Lagerhalle umbauen. Ein neuer Eigentümer renovierte das Anwesen in den 1990er Jahren denkmalgerecht, um anschließend eine Arztpraxis und Wohnungen einzurichten. Heute ist dort das staatliche Schulamt untergebracht. Zumindest die einstige Schule im Westen des Gebäudes ist in ihrer Substanz erhalten geblieben. Die neu eingezogenen, modernen Fenster und die schlichte Fassade im östlichen Synagogenteil bilden gerade dadurch einen augenfälligen Bruch.


(Patrick Charell)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Schlesinger Straße 9, 97437 Haßfurt

Literatur

  • Axel Töllner / Cornelia Berger-Dittscheid: Haßfurt. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 485-497.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 69f.