Die jüdische Gemeinde versammelte sich zu Beginn im Privathaus des Gemeindevorstehers Moyses Weil (heute Marktplatz 5). 1695 genehmigte ihr Schutzherr Albrecht Ernst II. Fürst zu Oettingen-Oettingen (1669-1731) den Bau einer Synagoge unter der Auflage, dass sie in ihrer Architektur keine Konkurrenz zur Kirche darstellen dürfe. Wohl finanzielle Gründe führten dazu, dass die Israeliten jedoch bis 1720 auf ein eigenes Gotteshaus verzichteten und weiterhin den privaten Betsaal besuchten.
Erst nach einer weiteren Aufforderung ihres Schutzherrn handelte die Kultusgemeinde entsprechend. Sie erwarb ein Grundstück im jüdischen Viertel (Egelseestraße 8) und errichtete hier ihren Sakralbau mit einer Wohnung für den Chasan. Das Gebäude bestand zum Teil aus Holz. Da der Bauplatz direkt neben der Wörnitz lag, wurde es bei Hochwasser oft beschädigt und bereits nach wenigen Jahrzehnten baufällig. 1754 hat man das Haus deshalb als Steinbau neu ausgeführt. Dieser zweigeschossige Massivbau mit Spitzbogenfenstern und Toraschrein-Erker bot einen imposanten Anblick und prägte ab diesem Zeitpunkt das Ortsbild. Im Erdgeschoss waren eine Wohnung für den Chasan und ein Raum für die Gemeindeverwaltung untergebracht. Ab 1840 befand sich im Keller eine Mikwe. Der Betsaal lag hochwassergeschützt im Obergeschoss, überwölbt von einer Flachtonne. Er bot 87 Sitzplätze in der Männersynagoge und 75 Plätze auf der Frauenempore. Der Bau war so solide, dass größere Baumaßnahmen bis in das 20. Jahrhundert hinein ausblieben. Obwohl die Kultusgemeinde im 19. Jahrhundert mehrheitlich dem Reformjudentum anhing (zum Beispiel forderten 1848 einige Gemeindemitglieder ein Ende des überkommenen "Schulklopfens"), blieb die Ausstattung orthodox: 1927 legte Kunsthistoriker Theodor Harburger einen Grund- und Aufriss der Synagoge an, in denen die Frauenempore im OG noch mit einem mannshohen Gitter bewehrt ist, die Bima relativ mittig im Raum steht und fest stehende Bankreihen zumindest nicht vermerkt sind.
1936 war die jüdische Gemeinde Harburg auf nur mehr wenige Personen geschrumpft und löste sich daher offiziell auf. Die letzten Mitglieder schlossen sich der Kultusgemeinde Nördlingen an. Sie überführten ihre Ritualien und Torarollen in die dortige Synagoge. Das jüdische Gotteshaus in Harburg fiel der Kultusgemeinde Nördlingen zu und wurde nicht mehr benutzt. Im Novemberpogrom (9./.10.11.1938) plünderten Einheimische den Rest des Inventasr. Am 10. November 1938 beschlagnahmte die Stadt Harburg, die zuvor jedes Kaufangebot ausgeschlagen hatte, das Gebäude mit der Begründung, dass es nun für das Gemeinwohl (Luftschutz, Polizei, Feuerwehr etc.) dringend benötigt würde. Während der Kriegsjahre diente der ehemalige Sakralbau als Standort und Lager des Roten Kreuzes und ging 1941 in den Besitz des Wohlfahrtsverbandes über.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die ehemalige Synagoge der JRSO zu, die sie 1954 an eine Privatperson verkaufte. Mitte der 1960er Jahre wurde das Anwesen zu einem Büro- und Wohngebäude umgebaut, wobei viel der historischen Substanz verloren ging. Zwischen 1989 und 1992 führte der damalige Eigentümer Rolf Hofmann das Haus unter der Bezeichnung "Kulturzentrum Alte Synagoge Harburg" als Bürgerhaus und Begegnungsstätte. Seitdem wird es wieder privat genutzt.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Egelseestraße 8, 86655 Harburg (Schwaben)
Literatur
- Angela Hager / Hans-Christof Haas: Harburg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 461-467.
- Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben. München 2014, S. 17-19, 51-57.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 248-260.
Weiterführende Links
- Ehemalige Synagoge (Stadt Harburg)
- Synagoge Harburg (Alemannia Judaica)
- Archivalien zur Geschichte der Synagogen und Gemeinden in Bayerisch Schwaben (Jüdisches Museum Augsburg Schwaben)
- Predigt beim feierlichen Trauergottesdienste für Königin Therese von Bayern, gehalten in der Synagoge zu Harburg, 1854
- Ehemalige Synagoge (Bayerischer Denkmal-Atlas)
