In Hammelburg wurde erstmals im Jahr 1487 eine Synagoge erwähnt. Die Schweinfurter Chronik berichtete damals darüber, dass die neun hier ansässigen Schutzjuden mit dem Bau einer Synagoge begonnen hätten. Vermutlich plante man Mitte des 16. Jahrhunderts einen Neubau, denn in der Judenordnung aus dem Jahr 1560 ist vermerkt, dass Fürstabt Wolfgang den Bau einer neuen Synagoge nicht genehmigt hat. 1605 wird im Türkensteuer-Register der Fürstabtei Fulda eine "Schule" in Hammelburg aufgeführt, für die Steuer bezahlt werden musste. Als 1671 alle Juden aus der Stadt ausgewiesen wurden, soll das Gotteshaus in den Besitz christlicher Bürger gekommen sein, die in der Nachbarschaft einen Schweinestall betrieben.
1718 plante man anstelle der ehemaligen Synagoge den Bau einer Kapelle, die aber nicht ausgeführt wurde. 1737 gab Fürstabt Adolf von Dalberg (1726-1737) der jüdischen Gemeinde von Hammelburg die alte, nun halb verfallene Synagoge wieder zurück. Er erlaubte deren Wiederherstellung und Benutzung, für das Grundstück fielen eine einmalige Gebühr und eine jährliche Zinszahlung an. Über den Grundmauern des alten Gotteshauses wurde ein neuer Bau errichtet, und 1762 noch einmal vollständig umgebaut (Haus-Nr. 315, heute Dalbergstraße 57a). Bei der barocken Hammelburger Synagoge handelte es sich um einen rechteckigen Saalbau mit angebauter Frauensynagoge an der nördlichen Längsseite. 1765 erwarb die Kultusgemeinde ein zwischen der Synagoge und der Stadtmauer gelegenes Haus (vermutlich Haus-Nr. 313), das dem Rabbiner in der Folgezeit als Wohnung diente.
1854 wurde Hammelburg von einem verheerenden Stadtbrand heimgesucht, die Synagoge blieb jedoch unversehrt. Sie erhielt 1862 eine neue, reformorientierte Ausstattung mit Betstühlen (Subsellien), die fest installiert waren. Die Birna stand nun vor den Bankreihen beim Toraschrein. Der Betsaal hatte 40 Männersitze. Bei der Sanierung Frauensynagoge im Jahr 1872 baute man 24 Sitzplätze ein, verteilt auf vier Bänke.1874 erwarb die IKG Hammelburg ein Gebäude zur künftigen Nutzung als Schul- und Gemeindehaus (Haus-Nr. 301, heute Dalbergstraße 57). Der dazugehörige Hinterhof reichte bis zum Synagogengrundstück. Da der Betsaal keine Heizung hatte, wurden die Gottesdienste im Winter immer im Schulzimmer abgehalten. Bei einer erneuten Renovierung erhielt die Synagoge 1895 eine vergrößerte Frauenabteilung, die nun 48 Plätze in zwei Blöcken zu je vier Reihen hatte.
Nachdem vier junge Männer ihren Einsatz im Ersten Weltkrieg mit dem Leben bezahlt hatten, ließ die jüdische Gemeinde für sie 1920 eine Gedenktafel in der Synagoge anbringen. In den 1920er Jahren gab es innerhalb der IKG Hammelburg noch ein stabiles religiöses Leben. Den Minjan konnte die Kultusgemeinde, die 1921 noch 103 Seelen mit 33 religionsmündigen Männern zählte, noch leicht erfüllen. Die Gottesdienste fanden am Freitag und Samstag statt. Mit Hilfe der Mitglieder aus der jüdischen Gemeinde Untererthal erreichte man den Minjan auch noch im Jahr 1938. Während des Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge vollständig zerstört. Am 11. November fielen die Hammelburger SA-Leute in die Synagoge ein und demolierten ihr Inneres völlig. Sie beschlagnahmten Archivalien, hauten die Inneneinrichtung und die Ritualien in Stücke und verbrannten die Teile im Hof. Laut Grundbuch blieb die Synagoge aber im Besitz der IKG. Bis 1945 wurde der Betraum als Lager und teilweise als Schweinestall benutzt.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 7. April 1945 hat man den Betrieb des Schweinestalles aufgegeben. Die Synagoge diente in der Folgezeit der Stadt weiterhin als Lager. Die JRSO bescheinigte dem Gebäude 1952 einen schlechten Bauzustand. Das Anwesen ging dann in Privatbesitz über und wurde zum Wohnhaus umgebaut. Dabei blieb zwar der barocke Dachstuhl erhalten, doch aufgrund der eingezogenen Zwischenwände, einem neu angebauten Treppenhaus und veränderten Fensteröffnungen haben sich kaum mehr Spuren seiner einstigen Funktion erhalten. 2012 entdeckte der Eigentümer auf dem Dachboden Reste einer Genisa, die er an die Genisa-Forschungsstelle in Veitshöchheim zur Auswertung übergab.
In Sichtweite zur ehemaligen Synagoge wurde 1995 an einer Mauer am Seelhausplatz eine Gedenkinschrift installiert, die an den jüdischen Sakralbau erinnert. Hier veranstaltet man jedes Jahr am 9. November eine Gedenkstunde für die "vertriebenen, verschleppten und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger". Die Namen von 33 jüdischen Männern, Frauen und Kinder nennt eine Granitstele, die 2014 auf dem neu gestalteten Platz enthüllt wurde.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Dalbergstraße 57a, 97762 Hammelburg
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Hammelburg. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 166-212.
