Zum Gottesdienst traf sich die jüdische Gemeinde Hainsfarth anfangs vermutlich in Privathäusern. 1722 wurde auf dem angekauften Grundstück Nr. 66 (heute Jurastraße 10) eine Synagoge mit Wohnräumen für den Vorsänger errichtet. Das Äußere dieses Gotteshauses unterschied sich nur durch die etwas größeren Fenster von einem normalen Wohnhaus. 1810 wurde dieser Sakralbau renoviert. Bis 1856 war das Gebäude aber so baufällig geworden, dass die Baubehörde in Donauwörth die Schließung anordnete. Übergangsweise funktionierte die Kultusgemeinde einen Schulraum zum Betsaal um, beschloss aber noch im selben Jahr den Augsburger Architekten Matthias Seemüller vom Kgl. Oberpost- und Bahnamt mit einem Neubau.
Seemüller lieferte einen neoromanischen Entwurf mit maurischen Architekturelementen, nach dem Vorbild der 1853 errichteten Synagoge im benachbarten Heidenheim. Unter der Leitung von Maurermeister Johann Michael Meyer aus Ostheim wurde ab 1859 ein zweigeschossiger, massiver Saalbau über rechteckigem Grundriss errichtet und am 24. August 1860 eingeweiht. Die getrennten Zugänge zur Männer- und Frauenabteilung erfolgten an der nördlichen Straßenfassade durch ein repräsentatives Portal mit geschwungenem Bogen und goldener Aufschrift. Die Frauenempore verlief an drei Seiten des Betsaals, an dessen Ostwand (Misrach) unter drei Rundfenstern ein Toraschrein auf einer dreistufigen Plattform stand, hinter dem in einer Nische die Torarolle aufbewahrt wurde. Die Ausgestaltung der Synagoge, vor allem die Gestaltung der Decken und Wände mit ornamentalen Schablonenmalereien, verband stilistische Elemente der Romanik und der maurischen Kunst. Sie folgte damit einem historistischen Zeitgeschmack, der sich auch in christlichen Gotteshäusern und repräsentativen Profanbauten wie etwa Schloss Neuschwanstein niederschlug. Der Bau war von derart solider Qualität, dass bis ins 20. Jahrhundert keine nennenswerten Reparaturen anfielen.
Während des Novemberpogroms in der Nacht auf den 10. November 1938 drangen SA-Männer in die Synagoge ein, demolierten die Inneneinrichtung, luden dann Kultgegenstände, Gebetbücher und Schriften auf ein Pferdegespann und verbrannten alles außerhalb des Dorfes. Eine Torarolle hatte der damalige Bürgermeister August Wiedemann schon vor dem Pogrom in seinem Wirtshaus versteckt. Sie wurde 1977 den Familienmitgliedern des ehemaligen jüdischen Gemeindevorstehers Bernhard Steinharter übergeben. 1939 ging die ehemalige Synagoge in den Besitz der Kommune über. Das entweihte Gotteshaus diente fortan als Getreidelager und als Lagerhaus für den Militärflugplatz Heuberg.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieg stand die einstige Synagoge unter der Vermögenskontrolle und wurde 1950 der Jewish Restitution Successor Organization übergeben, die sie zusammen mit dem Schulhaus an Privatleute verkaufte. 1963 erwarb die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde das Haus, um darin ihr Gotteshaus einzurichten. Dazu kam es jedoch nicht. Seit 1978 gehört der einstige jüdische Sakralbau wieder der Gemeinde Hainsfarth. Eine Zwischendecke wurde eingezogen, Teile des Gebäudes dienten als gemeinschaftliches Kühlhaus, der Rest als Bauhof.
Mitte der 1980er Jahre reiften Pläne für eine umfangreiche Renovierung des Hauses. 1994 gründete sich der Freundeskreis Synagoge Hainsfarth e.V., der mit großem Engagement die Widerherstellung des einstigen Gotteshauses begleitete. 1995/1996 wurde der Synagogenraum mit seinen Decken- und Wandmalereien aufwendig wiederhergestellt. Allerdings verzichtete man bewusst auf die Rekonstruktion des Toraschreins. Die leere Toranische soll ein Sinnbild sein für die Schändung des jüdischen Gotteshauses durch die Nationalsozialisten. Heute dient das einstige Synagogengebäude als Kulturzentrum und Gedenkstätte, im einstigen Betsaal erinnert eine Gedenktafel an die deportierten jüdischen Mitbürger aus Hainsfarth. Für das neu gestaltete Ensemble Synagoge-Schulhaus-Mikwe verlieh der Bezirk Schwaben den Denkmalpreis 2019 an die Kommune Hainsfarth.
Persönlicher Dank geht an Hermann Waltz, Nördlingen, für die Bereitstellung von Bildmaterial und seine persönliche Unterstützung.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Jurastraße 10, 86744 Hainsfarth
Literatur
- Angela Hager/ Hans-Christof Haas: Hainsfarth. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S.453-460.
- Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben. München 2014, S. 38f., 103-106.
- Bernd Vollmar u.a.: Die ehemalige Synagoge Hainsfarth – ein Denkmal jüdischer Kultur im Ries 1860 – 1938 – 1996. Gedenkschrift zum Abschluß der Renovierungsarbeiten. Schmähingen 1996.
