Da im Jahr 1655 sieben ortsansässige jüdische Familien und ein Schulmeister erwähnt werden, gab es wohl bereits eine eine Betstube in einem der jüdischen Wohnhäuser. Vermutlich seit Ende des 17. Jahrhunderts stellte Baruch ben Jirmiahu Naftali (+ 1714) seine private Betstube der ganzen Gemeinde für gemeinsame Gottesdienste zur Verfügung und sorgte für den Unterhalt des Raumes. Er stiftete auch eine Torarolle. Nach dessen Tod gab es eine gemeinsame Betstube im Haus des Ortsvorgängers Feust (heute: Domherrnviertel 18).
Sieben Haushaltsvorstände versuchten im Jahr 1720 eine neue Synagoge im Haus des Juden Mayer einzurichten, doch dieser Plan misslang. 1757 gab es erneute Bemühungen zur Einrichtung oder zum Bau einer Synagoge, die auf Widerstand vor Ort stießen. Erst 1764 erteilten die Ortsherrschaften die Genehmigung zum Bau einer neuen Synagoge. Daraufhin erwarb die Kultusgemeinde im September 1764 das Anwesen der Familie Löb (heute: Zehnthofstraße 29), das westlich an den Freiherrlich von Geyer´schen Zehnthof angrenzte. Das hier befindliche Haus wurde abgebrochen. Ab Oktober 1764 hat man hier den Neubau der Synagoge und den Umbau eines vorhandenen Gemäuers zum Gemeindehaus mit Schulzimmer und Rabbinerwohnung bewerkstelligt. Die Kontrakte mit den beiden Ochsenfurter Maurermeistern Johann Weyhrauch und Jörg Hoffmann, die den L-förmigen Baukomplex ausführten, sind erhalten und bilden eine wertvolle Quelle, die detailliert über die Konstruktion, Größe und Ausstattung des neuen Gemeindezentrums informiert. Am 17. August 1765 erfolgte die feierliche Einweihung mit einem Umzug der Torarollen vom bisherigen Betsaal in die neue Synagoge. In der Folgezeit war die neue Synagoge mehrfach das Ziel antisemitischer Anschläge. 1786 und 1797 wurden mehrmals die Fenster eingeworfen und weitere Sachschäden festgestellt, die auf Anweisung der Schutzherren größtenteils von der politischen Gemeinde ersetzt werden mussten.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts konnte die Kultusgemeinde in ihrer Synagoge regelmäßig Gottesdienste abhalten. Doch ab 1905 wurde die notwendige Zehnzahl jüdischer Männer aus dem Ort nicht mehr erreicht. Seitdem waren reguläre Gottesdienste nur noch mit auswärtigen Gästen möglich. Seit 1917 erhielt die Gemeinde eine staatliche Unterstützung von 50 M für die Erhaltung der Synagoge, um sie vor dem Verfall zu bewahren.
Beim Novemberpogrom 1938 zerstörten SA- und SS-Männer aus Ochsenfurt die Inneneinrichtung der Synagoge und schändeten die letzte, hier noch verbliebene Torarolle. Ein Teil der Inneneinrichtung und Ritualien waren von Kultusvorstand Jakob Mayer bereits vor dem November 1938 an den Verband Israelitischer jüdischer Gemeinden in München übergeben worden. Am 21. Januar 1939 verkauften die beiden letzten jüdischen Familien, die noch im Dorf lebten, die Synagoge und das daran angebaute Gemeindehaus weit unter Wert an die Gemeinde Goßmannsdorf.
Während der Abwicklung des Restitutionsverfahrens mit der JRSO (Jewish Restitution Successor Organisation) trat die Gemeinde Goßmannsdorf 1949 von dem Vertrag als Käuferin der Synagoge zurück und stimmte im Folgejahr einem Vergleich zu, durch den der Ertrag aus der Nutzung an einen Treuhänder der JRSO fiel. Anfang 1952 stand die Synagoge leer; das einstige jüdische Gemeindehaus war zu einem Wohnhaus umgebaut worden. Im November 1952 erwarb ein Privatmann das gesamte Anwesen und ersetzte es 1957 weitgehend durch einen Neubau. Ein Teil der Umfassungsmauern ist bis zur Gegenwart erhalten. An der Ostseite des Hauses ist heute noch die bauliche Ausbuchtung zu sehen, in der sich der Toraschrein befand.
Das erhaltene Memorbuch der jüdischen Gemeinden Eibelstadt und Goßmannsdorf befindet sich heute im jüdischen Zentralarchiv in Jerusalem. Die Schriftstücke einer 1988 bei Umbaumaßnahmen in der ehemaligen Synagoge entdeckten Genisa wurden dem Stadtarchiv Ochsenfurt übergeben.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Zehnthofstraße 29, 97199 Ochsenfurt
Literatur
- Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Goßmannsdorf. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 666-680.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 229.
