Eine Synagoge bestand in Gochsheim wahrscheinlich schon 1540 und war wohl im Rückgebäude eines in der Kirchgasse gelegenen Anwesens untergebracht. Die zentrale Lage der Synagoge in der Nähe der Kirche war nach Meinung die christlichen Gochsheimer eine "Ergerung an unserer heiligen, wahren, christlichen Religion". Laut Überlieferung errichtete die jüdische Gemeinde in den 1650er Jahren in Gochsheim eine zweite, neue Synagoge, zu der auch eine Mikwe gehörte. Rund 100 Jahre später fanden 1754 Um- oder Neubaumaßnahmen an dem Mehrzweckgebäude statt.
Im Jahr 1829 standen den Gochsheimer Juden laut einem Bericht des Schweinfurter Landgerichtsarztes insgesamt drei Mikwen zur Verfügung. Diese seien so beschaffen gewesen, "daß man bei dem Anblick zurückschaudert". Deswegen empfahl der Arzt dringenst den Neubau einer modernen "Badeanstalt" an einem geeigneten Ort. Ob sich diese Mikwe dann in der Synagoge oder im daneben gelegenen Schulhaus befand, steht nicht fest. Nach den Erinnerungen des ehemaligen Gochsheimers Alfred Strauss von 1959 war die Mikwe im Keller des aus Synagoge und Lehrerwohnung mit Schule bestehenden Mehrzweckkomplexes im Judenhof 16 untergebracht.
Laut der 1833 angefertigten Kataster-Uraufnahme von Gochsheim war die wohl zweite Synagoge des Dorfs rund 7,5 Meter lang und rund 9 Meter tief. Vermutlich wurde sie von Westen durch einen Eingang erschlossen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts plante die Kultusgemeinde eine dritte, neue und größere Synagoge auf dem Grundstück des Vorgängerbaus. Die 1854 errichtete, heute umgebaute Synagoge ist ein rund elf Meter langer und rund neun Meter breiter Massivbau, der im Osten unmittelbar an das benachbarte Anwesen angrenzt. Das Gebäude ruht auf einem umlaufenden Sockel und verfügt über zwei symmetrisch angelegte Schaufassaden an der Nord- und Westseite. Diese werden jeweils durch vier Fensterachsen mit hochrechteckigen Fenstern gegliedert.
Die verlorene Innenausstattung des flach gedeckten Betsaals, zu dem auch eine auf Stützen ruhende Frauenempore gehörte, bestand laut Theodor Harburger aus Almemor und Toraschrein aus der Erbauungszeit, zwei Tafeln mit dem Königsgebet, zwei Hängeleuchtern aus Messing und einem großen Chanukka-Standleuchter. Bis in die Gegenwart erhalten blieb ein vergoldetes, hochrechteckiges Toraschild. Das mit Muschel- und Blumenornamenten verzierte Schild schuf der Nürnberger Goldschmid Johann Friedrich Ehe zu Beginn der 1780er Jahre. Den Mittelschild mit den Anfangsworten der Zehn Gebote rahmen zwei gedrehte Säulen, auf denen zwei Löwen stehen, die eine Krone halten.
Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde die Gochsheimer Synagoge renoviert. Kurze Zeit danach, ab 1925, fanden laut der Aussage eines Rechtsanwalts von 1951 in der Synagoge keine Gottesdienste mehr statt. Kurz vor der Auflösung der Gochsheimer Kultusgemeinde übernahm die Schweinfurter jüdische Gemeinde am 16. März 1937 die Synagoge und das angrenzende Wohnhaus. Dabei verpflichteten sich die Schweinfurter Juden vertraglich, die Gochsheimer Synagoge so lange zu erhalten, wie der damalige Gochsheimer Gemeindevorsteher Heldmann im Dorf wohnte und dort mindestens acht Juden lebten. Nachdem Heldmann mitgeteilt hatte, Gochsheim im März 1938 verlassen zu wollen, veräußerte die jüdische Gemeinde Schweinfurt im Februar 1938 die beiden Gebäude an eine Gochsheimerin, die die Synagoge zu einem Wohnhaus umbaute. Nach dem Verkauf der Synagoge wurden auch die Ritualgegenstände – zwölf Torarollen, drei Toravorhänge, ein silberner Torazeiger, zwei silberne Toraschilder und ein Toraufsatz – von Gochsheim nach Schweinfurt gebracht. Ein Teil der Ritualien gelangte nach Würzburg in das Depot des Fränkischen Luitpoldmuseums, das 1939 in "Mainfränkisches Museum" umbenannt wurde.
Die zwei am 16. März 1945 bei der Bombardierung Würzburgs beschädigten Toraschilder aus Gochsheim wurden 2016 in einem Würzburger Depot wiederentdeckt. Danach wurden die Toraschilder in der Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material" präsentiert, die 2018/2019 im Jüdischen Museum München und anschließend 2019 im Museum für Franken in Würzburg gezeigt wurde.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Judenhof 16, 97469 Gochsheim
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Gochsheim mit Schwebheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1365-1389.
- Jüdisches Museum München / Museum für Franken in Würzburg (Hg.): "Sieben Kisten mit jüdischem Material". Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute. Berlin/Leipzig 2018, S. 164 f., Nr. 26.
