Da die Giebelstädter Judenschaft bereits um 1720 acht Familien umfasste, darf man annehmen, dass sie sich spätestens seit dieser Zeit zum gemeinsamen Gottesdienst in einer Betstube traf. Eine neue Synagoge entstand 1797/98 , nachdem die königlich-preußische Kriegs- und Domänenkammer in Ansbach diesen Bau genehmigt und geplant hatte. Es handelte sich um ein zweigeschossiges, an drei Seiten freistehendes Fachwerkhaus (Plan Nr. 123, Hausnr. 62; heute: Mergentheimer Straße 18) mit gemauertem Sockel und Mansarddach. Dieser Sakralbau diente der Kultusgemeinde über 100 Jahre lang als religiöses Zentrum.
Trotz mehrerer Reparaturen war er jedoch ab Anfang des 20. Jahrhunderts baufällig und musste 1908 wegen Einsturzgefahr geschlossen bleiben. Da sich eine aufwendige Grundsanierung nicht mehr lohnte, ließ man das Haus noch im selben Jahr abreißen.
Die Planung für einen Synagogen-Neubau übernahmen die Brüder Johann und Roman Scheckenbach aus Giebelstadt. Nach Abänderungen durch der Baubehörde, die v.a. den Grundriss reduzierte, entstand bis zum Sommer 1911 auf dem gleichen Grundstück ein kleiner verputzter Backsteinbau mit Krüppelwalmdach im Rundbogenstil. Die Einweihung der neuen Synagoge erfolgte am 31. August 1911 durch Distriktsrabbiner Nathan Bamberger aus Würzburg. In einem Festzug wurden die Torarollen vom Haus des Kultusvorstandes Hirsch Schmidt (heute: Mergentheimer Str. 23) zur neuen Synagoge überführt. Der Betsaal bot Platz für 47 Männerstühle im Erdgeschoss und 16 Frauensitze auf der Empore. 1925 waren Reparaturen in der Synagoge nötig geworden, die durch den Verband bayerischer israelitischer Gemeinden finanziell unterstützt wurden.
Während des Novemberpogrom 1938 wurde die Giebelstädter Synagoge durch Parteimitglieder der NSDAP aufgebrochen und im Innern völlig demoliert und geschändet. Die Ritualien wurden dabei vernichtet. Nur aufgrund der dichten Bebauung ging der Sakralbau nicht in Flammen auf. Das Gebäude blieb vorerst erhalten. Am 25. April 1939 musste Rudolf Schmidt in Vertretung der Kultusgemeinde die Synagoge an den Landwirt Fritz Döller verkaufen. 1939 wurden alle ehemaligen Gebäude, die im Besitz der Kultusgemeinde gewesen waren, abgebrochen und an ihrer Stelle 1941/42 ein Landarbeiterhaus mit Doppelwohnung errichtet.
Im Treppenhaus des Giebelstädter Rathauses erinnert heute eine Gedenktafel an die einstige jüdische Gemeinde im Ort und an deren Synagoge. Die hier 1948/49 kurzzeitig wieder entstandene jüdische Kultusgemeinde im Camp der "Displaced Persons" richtete sich eine Synagoge in einem Sakralgebäude ein, das früher der Mennonitengemeinde gedient hatte (Mergentheimer Straße 31). Nach der Auswanderung der Israeliten kam dieses Gebäude in den Besitz der evangelischen Kirchengemeinde und wurde später zu einem Wohnhaus umgebaut, das bis heute besteht.
(Christine Riedl-Valder)
Adresse / Wegbeschreibung
Mergentheimer Straße 18, 97232 Giebelstadt
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Giebelstadt. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 651-665.
