Jüdisches Leben
in Bayern

Geroda Synagoge

Vermutlich wurde die alte Synagoge in Geroda am 17. Juli 1717 eingeweiht, da dieses Datum in der Überlieferung genannt wird. Es handelte sich späteren Zeichnungen zufolge um ein zirka 10,2 m langes und 5,8 m breites, eingeschossiges Fachwerkhaus mit hohem Satteldach und Tora-Erker an der Ostseite. Es lag zentral an der Durchgangsstraße im Oberdorf (Haus-Nr. 93, heute: Neubau, Dorfstr. 11). Eine niedrige Trennwand schied die Frauenabteilung vom Männerbetsaal. In dem tonnengewölbten Saal stand ein kunstvoll geschnitzter und reich verzierter Toraschrank im Barockstil "mit gedrehten Säulen und Aufsätzen mit Löwen und Kronen" (Karl Gröber). An die Synagoge war ein kleines Häuschen angebaut, das von der Kultusgemeinde vermietet wurde.

Der alte Sakralbau war im Jahr 1839 dringend reparaturbedürftig. Da die Kultusgemeinde, die gleichzeitig ein Schulhaus plante, damit finanziell überfordert war, beantragte sie bei der Regierung für beide Bauvorhaben eine Kollekte bei den israelitischen Gemeinden in Bayern. Diese Geldsammlung war die erste ihrer Art im Königreich und erzielte ein sehr gutes Ergebnis. Die alte Synagoge wurde 1841 nach einem neuen Plan, der vor allem die Auswechslung defekter Bauteile vorsah, repariert. Dabei wurde auch die Männersynagoge durch Aufschüttung um 30 cm höher gelegt und die bisherigen losen Betstühle durch fest installierte Bankreihen ersetzt.

Ende des 19. Jahrhunderts war die Benutzung der alten, wiederum baufälligen Synagoge immer schwieriger geworden. Statt erneuten Reparaturen wollte man nun einen Neubau in Angriff nehmen. Für den vorgesehenen Bauplatz, ein im Besitz der Kultusgemeinde befindliches Grundstück nördlich der evangelischen Kirche, verweigerten die protestantische Kirchenverwaltung, Nachbarn und die politische Gemeinde die Zustimmung. Ein langwieriger Streit entbrannte, der erst durch die "allerhöchste Genehmigung" der Neubaupläne durch Prinzregent Luitpold 1906 beendet werden konnte. 1907 war die neue Synagoge (heute Kirchberg 5) bezugsfertig und wurde am 16. August feierlich eingeweiht. Die Pläne für den neuen jüdischen Kultbau im Rundbogenstil stammten von dem Nürnberger Architekten Otto Schulz (1877-1943), einem Schüler des berühmten Münchner Architekten Georg von Hauberrisser. An der Westfassade des Saalbaus befand sich die Vorhalle mit dem Eingangsportal. Von der Vorhalle aus führten einige Treppen hinunter in den tonnengewölbten Betsaal. Daneben gelangte man über eine Steintreppe zur Frauenempore, die U-förmig über der Vorhalle und an den Längsseiten des Baus verlief. Im Betsaal wurde ein über drei Meter hoher und zwei Meter breiter Aron-Ha-Kodesch aufgestellt, der aus der Synagoge der 1904 aufgelösten Kultusgemeinde von Werneck stammte. Der Almemor wurde in der Raummitte platziert.

Die alte Synagoge (Haus-Nr. 93, Dorfstraße 11) wurde ausgeräumt und aufgelöst und an den Nachbarn Bernhard Strauß (Haus-Nr. 92) verkauft. Er nutzte das Haus nach einem Um- und Anbau als Geschäftssitz. Der barocke Toraschrank aus dem alten Gotteshaus wurde dem Luitpoldmuseum in Würzburg übereignet, wo er 1945 einem Bombentreffer zum Opfer fiel.

Das Novemberpogrom im Jahr 1938 ging von der NSDAP-Kreisleitung Brückenau aus. Rund 35 SA-Leute fuhren mit einem Bus nach Geroda und Platz und zerstörten dort unter den Augen vieler Schaulustiger systematisch die Einrichtungen, Ausstattungen und Vorräte in allen jüdischen Wohnungen, Häusern, Geschäften, jüdischen Gemeindeeinrichtungen und Synagogen. In Geroda trafen sie am 10. November mittags ein und zogen dann in mehreren Trupps durch den Ort, um ihr sinnloses Vernichtungswerk durchzuführen. Die Synagoge wurde aufgebrochen, ihre Inneneinrichtung und Ausstattung mitsamt dem großen Toraschrein aus Werneck zertrümmert sowie 14 wertvolle Torarollen und Ritualien im Garten verbrannt. Da die Synagoge danach nicht mehr für Gottesdienste benutzt werden konnte, genehmigte der Landrat den verbliebenen Juden, sich künftig im jüdischen Schulhaus zum Gebet zu versammeln. Bis Ende Juni 1940 fanden dort die jüdischen Gottesdienste statt.

Das Gebäude der Synagoge (Kirchberg 5) blieb nach 1945 bestehen. 1951 ging das Haus an die JRSO, die es ein Jahr später an die evangelische Kirchengemeinde Geroda verkaufte. Bis 1960 entstand durch weitreichende Umbauten ein evangelischer Gemeindesaal mit Bühnenanbau. Das ursprüngliche Eingangsportal blieb dabei erhalten. Eine Renovierung des Gebäudes wurde 1998/1999 durchgeführt.

In den 1980er Jahren hat man an der Fassade eine Gedenktafel angebracht, die an die Geschichte des Hauses mit folgendem Text erinnert: "Dieses Gebäude, erbaut im Jahre 1907, die Inneneinrichtung wurde 1938 in der Pogromnacht zerstört, diente der Jüdischen Kultusgemeinde Geroda als Synagoge. Zur Erinnerung und Mahnung". Das Anwesen der ehemaligen alten Synagoge (Dorfstraße 11) wurde in den 1970er-Jahren abgebrochen und durch ein neues Wohnhaus ersetzt.

 

(Christine Riedl-Valder)

Adresse / Wegbeschreibung

Kirchberg 5, 97779 Geroda

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid / Axel Töllner: Geroda mit Platz und Schondra. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 130-165.