Jüdisches Leben
in Bayern

Gemünden Synagoge

Im Archiv der Kreisregierung von Unterfranken befindet sich der Grund- und Aufriss zu einer Synagoge in Gemünden, die laut Aufschrift bereits seit 200 Jahren existiert haben soll. Da die jüdische Einwohnerschaft der Stadt bis zur Mitte des 19. Jh. jedoch nicht mehr als vier Familien umfasste, bleibt fraglich, ob dieser Bau tatsächlich bestand. Die überlieferte Korrespondenz berichtet auf alle Fälle über jüdische Gottesdienste in Gemünden. Sie könnten auch in einem provisorischen Betsaal stattgefunden haben. Quellen aus den Jahren 1818 und 1833 belegen einen Betraum im Wohnhaus des Juden Samson Samuel (späterer Name: Samson Straus). Da die Urkataster von Gemünden verloren gingen, ist sein Standort nicht mehr lokalisierbar.

Im Februar 1838 sprach das Landgericht ein Verbot der gemeinsamen Gottesdienste aus. Nachdem die Gemündener Gemeinde jedoch ihre rechtmäßige Freiheit zur Religionsausübung eingefordert und den Nachweis über einen geeigneten Betraum erbracht hatte, wurde das Verbot im Juli 1838 wieder aufgehoben.

Nach der Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde Gemünden im Jahr 1884 erfolgte 1887/88 durch den Karlstädter Baumeister Johann Nikolaus Geßner die Errichtung einer Synagoge zwischen Plattners- und Wirthsgasse. Es handelte sich um einen, aus massiven Sandsteinen errichteten Hausteinbau mit Satteldach über unregelmäßigem, viereckigem Grundriss im neoromanischen Baustil. Der Betsaal bot Platz für rund 50 Männer und rund 20 Frauen. Im Keller befanden sich das Ritualbad und der Unterrichtsraum, der auch für Gemeindeversammlungen genutzt wurde. Die Tilgung der Schulden für dieses Bauunternehmen zog sich bis 1938 hin. 1931/32 führte man eine Renovierung des Betsaales mit einer Neuausstattung, Bemalung der Wände durch „angemessene moderne Malerei“ und dem Einbau einer Wandbeleuchtung durch, die der Stadtrat finanziell unterstützte.

Im März 1938 gingen bei antisemitischen Ausschreitungen auch die Fenster der Synagoge zu Bruch. Als die Stadtverwaltung den Abriss mehrerer Häuser in der Plattnersgasse plante, um Platz für den Straßenverkehr zu schaffen, verhandelte die jüdische Gemeinde im August 1938 mit dem Stadtrat über den Verkauf der Synagoge. Er kam jedoch nicht zustande. Am Mittag des 10. November 1938 brachen SA-Leute die Synagogentür auf. Anschließend plünderten sie die Wertgegenstände und zerschlugen die Einrichtung des Betraumes. Am Abend legten sie eine Brandbombe auf die Frauenempore, die gegen 21.30 Uhr explodierte. Der damit ausgelöste Brand vernichtete alle noch vorhandenen Utensilien. Im Februar 1941 wurde die Gemeinde Gemünden im Grundbuch als Eigentümerin des ausgebrannten jüdischen Gotteshauses eingetragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste inhaftierte SS-Leuten die einstige Synagoge abreissen. Heute erinnert eine Hinweistafel auf dem Parkplatz vor der Plattnersgasse an ihren einstigen Standort, erwähnt jedoch nicht ihre Schändung während des Novemberpogroms 1938.


(Christine Riedl-Valder)

Literatur

  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 49-51.
  • Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Gemünden. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 167-178.