Jüdisches Leben
in Bayern

Euerbach Synagoge

Da die Euerbacher jüdische Schule laut einer Quelle aus dem Jahr 1840 "seit unerdenklicher Zeit Eigenthum der israelitischen Gemeinde" war, könnte dort auch um 1800 die Synagoge untergebracht gewesen sein. 1815 erwarb die jüdische Gemeinde ein Baugrundstück in der Nähe der katholischen Kirche, um dort eine neue Synagoge zu errichten. Ein Jahr später begannen die Bauarbeiten. Wann der zweigeschossige Bau mit Satteldach fertiggestellt war, ist bisher nicht bekannt. 1869 wies das Bezirksamt Schweinfurt darauf hin, dass die Euerbacher Synagoge baufällig sei, und empfahl die Fusion der jüdischen Gemeinde mit Obbach oder Geldersheim.

Ein Artikel des Euerbacher Religionslehrers Israel Lewinsohn in der Zeitschrift "Der Israelit" von 1884 zeigt schlaglichtartig die Schwierigkeiten einer schrumpfenden jüdischen Gemeinde. Da die Gemeinde schon zu klein war, wurden die Gottesdienste an Schabbat und am Versöhnungstag in der Synagoge des benachbarten Geldersheim gefeiert. Die schulpflichtigen Kinder, die ebenfalls den Gottesdiensten beiwohnten, versäumten dadurch den obligatorischen Samstagsunterricht. Der Lokal-Schulinspektor, ein Euersbacher Geistlicher, brachte dies zur Anzeige, worauf Lewinsohn zu einer Geldbuße von fünf Mark verurteilt wurde. Bei der Verhandlung vor dem königlichen Amtsgericht Schweinfurt wurde Lewinsohn freigesprochen und der Amtsrichter gab dem Geistlichen deutlich zu verstehen, "dass der Sabbat bei den Israeliten so gut geheiligt werden darf, wie bei den Christen der Sonntag". Die Kinder könnten natürlich an den Samstagen den Gottesdienst besuchen, obwohl sie die Elementarschule versäumten.

Die Personalunion von Religionslehrer, Vorsänger, Schächter und Friedhofsverwalter führte sechs Jahre später in Kleinbardorf 1890 zu einem Konflikt. Dort kam die Frage auf, ob sich Israel Lewinsohn nicht bei seiner Tätigkeit auf dem Friedhof rituell verunreinige und damit das von ihm geschächtete Fleisch nicht koscher sei. In seiner Antwort wies der Euerbacher Kultusvorsteher Isaak Rosenstock darauf hin, dass es nicht zu Lewinsohns Aufgaben als Friedhofsverwalter gehöre, auch Leichen zu waschen. Dafür seien andere Personen zuständig. Neun Jahre später wurde Religionslehrer Lewinsohn 1899 wegen "Hehlerei" vom Dienst suspendiert.

Bereits um 1880 haben die jüdischen Einwohner von Euerbach die Gottesdienste im benachbarten Geldersheim besucht, da die nötige Zehnzahl jüdischer Männer am Ort (Minjan) nicht mehr erreicht wurde. Das in Euerbach vorhandene Synagogengebäude wurde im Oktober 1904 an Privatleute verkauft. Drei Jahre nach der Auflösung der Israelitischen Kultusgemeinde Geldersheim-Euerbach im Jahr 1901 erwarben Isaak und Fanny Rosenstock 1904 die ehemalige Euerbacher Synagoge für 150 Mark. Neun Jahre später verkauften sie das ehemalige Versammlungshaus an einen christlichen Euerbacher unter der im Grundbuch fixierten Bedingung, die einstige Synagoge nicht als Stall zu benützen. 1923 wurde das Gebäude in ein Wohnhaus umgebaut.


(Stefan W. Römmelt)

Adresse / Wegbeschreibung

Kirchgasse 11, 97502 Euerbach

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Johannes Sander: Obbach mit Euerbach. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1444-1465.