Da die Estenfelder Gemeinde wohl im 17. und 18. Jahrhundert bereits einen Minjan bilden konnte, existierte vermutlich eine Betstube im Ort. Eventuell nutzte sie aber auch die Synagoge in Rimpar. 1808 wurde auf dem Grundstück an der Unteren Straße (Haus Nr. 125, heute: Untere Straße 2) ein neues Gemeindezentrum mit Synagoge, Schule und Lehrerwohnung errichtet. Der Betsaal befand sich im südlichen Teil des zweigeschossigen Doppelhauses an der Ecke Bäckerstraße/Untere Straße. Das Erdgeschoss war massiv, das Obergeschoss in Fachwerk ausgeführt. Das Gebäude unterschied sich von einem schlichten Wohnhaus nur durch das Rundbogenportal im Erdgeschoss. Über die wohl sehr schlichte Einrichtung gibt es keine Informationen. 1858 und 1871 erfolgten notwendige Renovierungen des Anwesens.
Auf Grund der zurückgegangenen Zahl der Gemeindemitglieder wurde die Synagoge am 17. Mai 1938 an einen Lagerarbeiter aus dem Dorf verkauft. Der Verbleib der Ritualien ist unbekannt. Da der Sakralbau nicht mehr in jüdischem Besitz war, blieb er vom Novemberpogrom 1938 verschont. Der neue Eigentümer richtete in dem Gebäude zwei Wohnungen ein, zog eine Flachdecke in den zweigeschossigen Betsaal ein und unterteilte ihn in drei Räume.
Das einstige Synagogengebäude war in seiner Bausubstanz vollständig vorhanden. Es befand sich zuletzt in Privatbesitz und wurde als Wohnhaus verwendet. Für den Erweiterungsbau eines Supermarktes wurde es jedoch 1990 mit Genehmigung des zuständigen Landratsamtes abgerissen. Am 23. September 2007 hat man an seinem ehemaligen Standort (jetzt Parkplatz des Supermarktes) in Gegenwart des Würzburger Rabbiners Jakov Ebert eine Steinstele mit Bronzeplatte eingeweiht, deren Inschrift an die Estenfelder Opfer der Shoah erinnert.
(Christine Riedl-Valder)
Adresse / Wegbeschreibung
Untere Straße 2, 97230 Estenfeld
Literatur
- Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Estenfeld. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 604-612.
