Jüdisches Leben
in Bayern

Eschau Synagoge

Laut einer archivalischen Notiz aus dem Jahr 1817 gab es in Eschau mit Erlaubnis der Grafen von Erbach-Erbach "seit undenklichen Zeiten" schon ein jüdisches Bethaus. 1827 ersteigerte die Kultusgemeinde von Heinrich Bohlender ein "Wohn- und Schulhaus mit Synagoge und Hofrieth" in der Ortsmitte (Hausnr. 119, heute Matzenberg 4). Laut einer Notiz war die Synagoge darin bereit 1818 eingerichtet. Bei dem Anwesen handelte es sich um ein Gebäude mit Satteldach, wobei das Erdgeschoss massiv erbaut und das Obergeschoss im Fachwerk ausgeführt war. Der Betsaal nahm fast zwei Drittel des Hauses auf beiden Stockwerken ein. Im Erdgeschoss befand sich das Schulzimmer und im Obergeschoss eine kleine Zweizimmerwohnung.

1843 standen dringende Renovierungsarbeiten an. Auch die Lehrerwohnung musste vergrößert werden. Die Verhandlungen über die Vorgehensweise der Sanierung zogen sich jedoch in die Länge. Letztlich entschied man sich, die Lehrerwohnung auszulagern. Ein Kollektenantrag der Kultusgemeinde, mit dem die anfallenden Kosten teilweise gedeckt werden sollten, wurde vom Bezirksamt abgelehnt. Erst 1878 waren die Reparaturen abgeschlossen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts besuchten auch die Jugendlichen aus Röllbach und Hobbach hier den Religionsunterricht. Ab 1884 wirkte über 50 Jahre lang Leopold Lehmann (*1862 Spachbrücken, + 1950 Haifa) als Lehrer, Kantor und Schächter im Ort. Er wohnte in Hausnr. 120 (heute: Matzenberg 5) in der Nähe des jüdischen Sakralbaus und emigrierte 1937 zu seinen Kindern nach Palästina.

Ab den 1920er Jahren wurde es zunehmend schwierig, in Eschau den Minjan zum gemeinsamen Gebet zu erfüllen. Daher lud man die Israeliten der Nachbargemeinden zum Gottesdienst ein und ging schließlich eine Vereinigung mit der Kultusgemeinde Sommerau ein. Die Synagoge bildete bis 1938 den Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens.

Unter dem nationalsozialistischen Regime kam es bereits ab 1935 mehrfach zu Einbrüchen, Beschädigungen und Diebstählen. Anfang 1937 hat man die Ritualien und das Gemeindearchiv nach Aschaffenburg gebracht, wo sie dann jedoch während des Novemberpogrom 1938 zerstört wurden, und es erfolgte die Auflösung der Kultusgemeinde. Das Synagogengebäude stand anschließend zunächst leer. Es diente 1942 für die Unterbringung von Kriegsgefangenen. Nach der Beschädigung bei einem Luftangriff wurde es, bereits stark baufällig, als Lager genutzt. Auch nach 1945 blieb das Gebäude ein landwirtschaftliches Gerätehaus und wurde 1980 abgerissen. Heute ist das Grundstück überbaut.


(Christine Riedl-Valder)

Literatur

  • Axel Töllner / Berger-Dittscheid, Cornelia: Eschau und Sommerau, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 383-394.

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