Bereits 1536 gab es ein Stadthaus, das hochgestellten Mitgliedern des Deutschen Ordens auf der Durchreise zur Verfügung stand (Anwesen Nr. 7, heute Weißenburger Staße 17). Das Anwesen wurde im Jahr 1595 vom Juristen Dr. Johann Jacob Herold übernommen und 1632 im Dreißigjährigen Krieg verwüstet. Anschließend kam es in den Besitz des jüdischen Geschäftsmanns Löw Amson, der es 1724 vom Hofbaumeister Franz Joseph Roth (1690-1758) repräsentativ umgestalten und auf einem T-förmigen Grundriss erweitern ließ. Im Festsaal versammelte sich die jüdische Gemeinde für mehrere Jahrzehnte vereinzelt zum Gottesdienst, dann errichtete Roths Nachfolger Matthias Binder (1704/5-1777) eine Synagoge auf dem Anwesen Nr. 129 (heute Neue Gasse 14).
Löwen an der Fassade und im Treppenhaus könnten auf den sprechenden Namen des Erbauers Löw Amson anspielen, außerdem hat der Löwe im Judentum als Symbol des Stammvaters Juda eine herausragende Bedeutung. Ein geschmückter Blendgiebel hebt den zentralen Mittelteil hervor, in dessen Obergeschoss zur Straße hin – der Beletage – ein Festsaal liegt.
Von Anfang an diente der prunkvolle Saal als Betraum für die Ellinger Gemeinde, auch wenn diese Nutzung nur sporadisch stattfand und jeweils durch einen schriftlichen Ersuch an den Landkomtur angekündigt wurde. An den Zugängen des Anwesens befanden sich ursprünglich Vertiefungen mit Mesusot, der sakrale Bereich beschränkte sich auf den Festsaal. Dort zeigen Deckengemälde ausschließlich religiöse, für das Judentum herausragend wichtige Szenen aus dem Buch Genesis. Die gestalterischen Parallelen zur katholischen Schlosskirche in der Ellinger Residenz waren von Hofbaumeister Roth wohl beabsichtigt.
In einer Vedute aus der Zeit um 1800 bildet der hohe Barockgiebel des Hauses neben dem Schloss und der Pfarrkirche eine dritte auffällige Landmarke. Das zentrale Deckenbild zeigt die Opferung Isaaks durch Abraham. Weitere Motive sind im Uhrzeigersinn die Begegnung Jakobs mit Rachel, die Anklage Potiphars gegen Joseph, die Gottesoffenbarung Abrahams, der Besuch der drei Engel bei Abraham, der Traum Jakobs von der Himmelsleiter und der Betrug um den Segen Isaaks. Das Mittelfenster wird durch einen kronenförmigen Stuckaufsatz besonders hervorgehoben, eine Kartusche zeigt Gottes Offenbarung an Mose im Brennenden Dornbusch. Die ikonographische Ähnlichkeit zu einem Aron-ha-Kodesch ist kein Zufall, denn das Fenster zeigte die Gebetsrichtung nach Osten an (Misrach). Im Keller des Hauses haben sich Überreste eines Ritualbades erhalten. Die Frauen folgten dem Gottesdienst anscheinend von einem angrenzenden Raum aus, vielleicht wurde auch ein mobiles Gitter aufgestellt. Über die weitere liturgische Einteilung ist nichts bekannt. Der ehemalige Betsaal mit seiner qualitativ hochwertigen barocken Ausstattung ist ein herausragendes Zeugnis jüdischer Kultur in Bayern.
Eines der wenigen Vergleichsbeispiele, möglicherweise sogar das direkte Vorbild ist der Festsaal im Palais des Hoffaktors Abraham Elias Model, der zwischen 1714 und 1720 im nahe gelegenen schwäbischen Monheim erbaut wurde. Im Jahr 1741 verkaufte die Familie Amson ihren bisherigen Familiensitz und renovierte mit dem Erlös ein neues Anwesen direkt gegenüber in der Weißenburger Straße 14. Der neue Eigentümer des Amsoner Hauses wurde Samuel Landauer, ein einflussreicher Hoffaktor des Deutschen Ordens. Er stellte seiner Gemeinde weiterhin den Festsaal zur Verfügung, die sich dort bis 1777 versammelte – offensichtlich auch, nachdem Landauer das Anwesen bereits 1776 an den Gastwirt Ferdinand Kugler verkauft hatte. Den Gasthof Römischer Kaiser gibt es noch heute. Sophie Hoechstetter ließ hier 1875 die Handlung ihrer Novelle "Die Schenkin" spielen. Nach einer denkmalgerechten Renovierung im Jahr 2001 erstrahlen die jüdischen Deckenmalereien heute wieder im alten Glanz.
Als im Zuge einer städtebaulichen Erweiterung die „Neue Gasse“ mit einer einheitlichen Architektur geplant wurde, gab Hoffaktor Samuel Landauer den Anstoß zur Errichtung einer Synagoge und stiftete das passende Grundstück (Neue Gasse 14). Der Baugrund befand sich in repräsentativer Lage vor einem Platz, der heute teilweise durch das städtische Feuerwehrhaus überbaut ist. Am 10. Februar 1756 beauftragte die jüdische Gemeinde den zuständigen Hofbaumeister Matthias Binder (1704/05-1777) mit den Planungen für einen Betsaal mitsamt Mikwe und einer Wohnung für den Vorsänger, der zugleich als Lehrer und Schächter fungieren sollte. Die Synagoge wurde bis 1759 fertig gestellt. Durch einen langwierigen Rechtsstreit – die Kultusgemeinde weigerte sich offenbar, anfallende Aufschläge zu bezahlen – verzögerte sich die Einweihung bis 1777.
Das Gebäude passte sich in seiner Fassadengestaltung den Wohnbauten der Neuen Gasse an, durch die Angliederung an das Nachbarhaus entstand eine geschlossene Bebauung mit durchgehendem Straßenprofil. Ein Rundbogenportal in der Schmiedgasse führte an einem Waschbecken aus Sandstein, mit Muschelornamenten und der Jahreszahl 1759 verziert, vorbei in den Männerbetsaal. Die Frauen betraten die Synagoge in der neuen Gasse. Ein Treppenhaus führte von dort zu einer Warmwasser-Miwke im Keller und zur Frauenempore im Obergeschoss. Die Fassade an der Schmiedgasse wurde durch lange Fensterbahnen gegliedert, die über beide Stockwerke reichten und dem Bau vom Norden her ein sakrales Gepräge verliehen. An der schmalen Ostseite flankierten zwei hohe Rundbogenfenster das Misrachfenster über dem reich geschmückten Toraschrein im Rokoko-Stil. An ihm war auf einem geschwungenen Giebelaufsatz eine gekrönte Kartusche angebracht mit der hebräischen Inschrift "Krone der Tora". Die Synagoge wurde 1866 umfangreich renoviert, nachdem sich Pläne für einen Neubau aus Geldmangel zerschlagen hatten. Neue Bauarbeiten fielen erst wieder 1929 an, zu diesem Anlass wurde auch ein neues Holzgitter auf der Frauenempore eingesetzt.
Im Herbst 1938 musste Gemeindevorstand Bernhard Bermann unter Zwang die Synagoge für eine geringe Summe verkaufen. Sie wurde daher während der Novemberpogrome nicht beschädigt, jedoch ging die Inneneinrichtung verloren. Am 15. November erwarb Friedrich Traub, der Besitzer des Nachbargrundstücks das Gebäude und nutzte es fortan als Scheune. Anfang der 1960er bauten die Eigentümer die Synagoge zu einem Wohnhaus um, wobei sie auch eine Zwischendecke in den Betsaal einzogen. Am Eingang sind Spuren einer Mesusa zu erkennen. Das Gebäude ist heute denkmalgeschützt, eine Tafel erinnert an die frühere Funktion. Die ehemalige spätbarocke Synagoge ist Teil des Barockrundwegs Ellingen mit einem online zugänglichen Audioguide.
(Patrick Charell)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Weißenburger Straße 17 / Neue Gasse 14, 91792 Ellingen
Literatur
- Angela Hager / Hans-Christof Haas: Ellingen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 180-189.
- Felice Poupko / Hermann Seis: Eine jüdische Kindheit in Ellingen. Das Buch "Beacon of Light", die Lebenserinnerung der Ellinger Rabbinertochter Felice Poupko, als deutsches Kind: Felicitas Schuster. Ein speziell auf Ellingen zugeschnittener und übersetzter Auszug aus einer dramatischen Biographie. Ellingen 2010.
- Hermann Seis / Simone Ott / Evelyn Pfliegel: Freundeskreis Barockstadt Ellingen e.V. (Hg.): Juden in Ellingen 1540 - 1938. Eine Dokumentation auf der Basis der Bestände des Stadtarchivs Ellingen. Ellingen 2008.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 173-176.
