Am 9. November 1393 ist in den Quellen eine „judenschul“ erwähnt, die sich wohl beim Anwesen Judengasse 9, in der Nähe des Judentors, befand. Sie war zugleich Sitz der Synagoge, dem Zentrum des religiösen jüdischen Lebens in Coburg. Vielleicht existierte dort auch eine Mikwe. 1395 wurde an diesem Ort eine reich illuminierte hebräische Handschrift vollendet, das sog. Coburg-Pentateuch, in dem sich wohl auch die älteste Darstellung der Veste Coburg befindet. Der Codex wird seit 1854 im Britischen Museum in London aufbewahrt. Die Synagoge ging Mitte des 15. Jh. nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde in den Besitz der Stadt über. Da ihre Umwandlung zur christliche Kirche nicht realisiert werden konnte, wurde sie später vermutlich als Wohnhaus genutzt.
1873 stellte die Stadt Coburg der neu gegründeten jüdischen Gemeinde die Kapelle St. Nikolaus (Ketschendorfer Straße 30) als Gotteshaus zur Verfügung. Nach einer Neugestaltung des Innenraums, bei der man u.a. den Toraschrein in den Barockaltar integrierte und dessen Mensa zum Lesetisch umwidmete, wurde das Gebäude am 20. September 1873 als neue Synagoge eingeweiht. Diese Überlassung der christlichen Kapelle zur Nutzung für die Juden wurde damals in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ als „That der reinsten Humanität und Toleranz“ gewürdigt. Simon Oppenheimer, einer der Gründer der Kultusgemeinde, wirkte hier über vierzig Jahre lang (bis 1914) als Prediger. Um Platz für die wachsende Anzahl der Gemeindemitglieder zu schaffen, wurde in den Folgejahren die Kanzel entfernt, die Sakristei, neugebaute Wandnischen und ein neuer Vorbau in den Gebetsraum integriert, sowie Toiletten und eine Außentreppe errichtet. Die Einweihung des vergrößerten Gotteshauses fand am 4. Oktober 1910 statt, dem Tag des jüdischen Neujahrsfestes. Es bot nun Platz für 95 Frauen und 135 Männer.
Im September 1932 beschloss der Coburger Stadtrat, den Juden die weitere Nutzung der St. Nikolauskapelle als Synagoge zu untersagen, da „der Stadtrat einer Deutschen und christlichen Stadt es unmöglich verantworten kann, eine christliche Kirche den Juden weiterhin zu überlassen.“ Außerdem wurde der Rückbau in den Zustand des Gotteshauses vor Einrichtung der Synagoge 1873 verlangt. Die jüdische Gemeinde Coburg führte gegen diese Kündigung erfolglos einen Prozess vor dem Landgericht und musste dabei die Verächtlichmachung ihrer Religion durch den Gegenanwalt erdulden. Bei der Räumung der Kapelle im April 1933 wurden die Torarollen und weiteres bewegliches Inventar an den Prediger Hermann Hirsch übergeben. Die festgesetzten Kosten für die Rückführung in das ursprüngliche Aussehen der Kapelle wurden in zwei Raten beglichen. Offiziell sollte die Kapelle zukünftig der evangelischen Gemeinde zur Verfügung stehen, was jedoch vorerst an deren Finanznot scheiterte.
Ab Mai 1933 fanden die jüdischen Gottesdienste unter sehr beengten Verhältnissen im Haus von Prediger Hirsch (Hohe Straße 30) statt. Der Kauf oder die Anmietung eines eigenen Haues für Verwaltung und Gottesdienste der Kultusgemeinde konnte jedoch aufgrund der leeren Kassen nicht realisiert werden. Der Betsaal der Kultusgemeinde im Haus von Hermann Hirsch wurde in der Reichspogromnacht (9./10.11.1938) von Parteimitgliedern der NSDAP zerstört, die Torarollen verbrannt und alle Wertgegenstände gestohlen. Dem Prediger Hermann Hirsch gelang es später, mit seiner Familie nach Palästina zu emigrieren. In der Folgezeit hat man in seinem Anwesen Ämter und Dienstwohnungen eingerichtet. 1945 gab die Stadt Coburg das Haus an die Familie Hirsch zurück, die es sofort verkaufte.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Literatur
- Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Coburg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 118-128.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2.
Fürth 1998, S. 144-146.
