Jüdisches Leben
in Bayern

Bad Windsheim Synagoge

Nachdem die junge Kultusgemeinde zunächst vergeblich ein entsprechendes Mietobjekt annonciert hatte, erwarb sie notgedrungen am 4. Juni 1877 das Anwesen Nr. 395 am Hafner Markt (heute zwischen Hafenmarkt 1 und 4). Das Gebäudeensemble bestand aus einem zweistöckigen, lang gestreckten Fachwerkbau, der seine westliche Traufseite dem Hafner Markt zugewandte. Es stand in zweiter Reihe und war auch im Norden und Süden von Nachbarhäusern eingezwängt. Im Süden ragte ein kleines barockes Wohnhaus als Anbau hervor, dass sich auch durch seine Massivbauweise vom älteren Gebäude abhob. Ein großer freistehender Torbogen grenzte das Gelände vom Platz ab. Entlang der Ostseite verlief eine lange, malerische Holzgalerie, die sich zu einem kleinen Garten öffnete. Dieser Garten wurde von den Lehrern für den Privatgebrauch gepachtet, außerdem feierte man in ihm die Laubhüttenfeste.

Am 21. Juni 1878 begannen die Arbeiten. Die ursprünglichen Pläne musste man gleich darauf noch einmal adaptieren, als der direkte Nachbar im Vorderhaus seine Bedenken anmeldete: Bierbrauer Ludwig Roth wandte ein, dass er auf seinem Teil des Grundstückes vielleicht eine Faßhalle bauen wolle, die der Synagoge dann das Sonnenlicht nehmen würde. Also wurden die Fenster der Synagoge weiter nach oben versetzt und auf dem Brauereigelände eine Mauer eingezogen, damit immer ein nötiger Mindestabstand für eine ausreichende Beleuchtung des Betsaales gewahrt blieb.

Aus Kostengründen mussten sich die Baumaßnahmen auf den Betsaal beschränkten, der durch seine notwendige Ausrichtung nach Osten quer zur Hauptachse eingerichtet wurde. Das historische Gebäude wurde im Osten um zwei Meter verlängert und durch massive Mauern gestützt. Hier befand sich eine eingekragte Nische für den Toraschrein, zu dem zwei Stufen führten. Das Obergeschoss bekam durch neues Gebälk eine zwei Meter höhere Decke, damit die Frauenempore im Westen des Saalbaus Platz fand. Der Standort einer Bima, so vorhanden, ist unklar. Aus Platzmangel wurde 1889 noch eine zweite Empore im Norden angebracht, damit Platz für insgesamt 53 Männer und 34 Frauen zur Verfügung stand.

Über die innere Ausgestaltung gibt es keine Angaben, angesichts des sehr engen Finanzrahmens dürfte sie aber nur rudminetär gewesen sein.

Während des Novemberpogroms 1938 sollte die Synagoge durch eine Brandbombe zerstört werden, die jedoch relativ wenig Schaden anrichtete. SA-Leute demolierten daraufhin das Mobiliar und verbrannten es im Garten hinter dem Gemeindehaus. Kurz darauf wurde das Gotteshaus mit einem zynischen Verweis auf die Feuerschäden abgerissen.

In Bad Windsheimer Museen haben sich einige Relikte der Synagoge erhalten: Von SA-Leuten geraubte Sitzkissen, Teppiche und Ritualien verwahrt heute das Reichsstadtmuseum im Ochsenhof, und seit den 1980er Jahren verwahrt das Fränkische Freilandmuseum einige geschnitzte Türrahmen und Deckenbalken aus dem Gebäude.

Im Mai 1995 wurde am Haus Hafenmarkt 4 eine erste Gedenktafel enthüllt, und rund zehn Jahre später die Errichtung eines augenfälligeren Denkmals auf dem Hafenmarkt beschlossen; seit 2008 steht eine schwarze Stele in Form zweier gegeneinander verschobener Prismen vor dem Anwesen.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Cornelia Berger-Dittscheid: Bad Windsheim. in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 69-86.