Jüdisches Leben
in Bayern

Bad Königshofen Synagoge

Die erste "Bethstube" im Privathaus des Gemeindevorstehers Abraham Einstädter (heute Rathausstraße 3) lag im zweiten Obergeschoß und bestand nur aus einem Raum. Eine Charakterisierung von 1910: "Dieser kleine und niedrige Raum bekam spärlich Licht u. Luft zum großen Teile von der Hofseite, wo selbst die Nachbarscheunen angebaut war". Die Männer beteten an freistehenden Pulten, durch eine offene "Abschließung", nicht durch ein Gitter von der Frauenabteilung abgetrennt – von der übrigen Ausstattung ist jedoch nichts überliefert. 

Für den Neubau einer Synagoge wurde im Jahr 1900 ein Bauausschuss gegründet. Im Juli 1901 einigte sich die Kultusgemeinde auf den Garten der Büttnerei Weber als Standort ihres zukünftigen Gotteshauses (heute Bamberger Straße 1). Die ambitionierten Baupläne fertigte Georg Michel aus Marktbreit, den Gründer der Muschelkalk- und Baufirma gleichen Namens. Für die Ausführung zeichnete der lokale Architekt Valentin Trott verantwortlich. Die wuchtige, historistische Königshöfer Synagoge war geostet und lag mit der Fassade zur Straße. Neben dem romanischen Rundbogenstil als dominierenden Baustil kamen auch gotische und klassizistische Elemente zur Anwendung gekommen. Dies war beabsichtigt: Sowohl der Planer wie auch die Kultusgemeinde wollten die tiefe Verwurzelung der Juden in der deutschen Kultur betonen und orientierten sich an Vorbildern in Kassel und Linz. Den Kern bildete der quadratische Betsaal für die Männer mit annährend zehn Meter Seitenlänge. Im Westen lag das Vestibül, flankiert von zwei rechteckigen Türmen. Das Erdgeschoss öffnete sich zur Front in drei gleich hohe Rundbogenportale, die an einen antiken Triumphbogen erinnert. Für die Männer standen 72 Plätze in festen Bänken (Subsellien) bereit, zuseiten des Chorbogens zur Apsis mit dem Toraschrein standen die "Knabenstände". Der Aron ha-Kodesch glich einem romanischen Säulenportal und war aus Stein und Marmor gearbeitet, mit reich verzierten Holztüren. Zwei Stufen führten zu ihm hinauf, und in einer zentralen Aussparung stand wahrscheinlich das Lesepult.  Die reformorientierte Haltung der Kultusgemeinde Königshofen äußerte sich auch darin, dass die Bima nicht in der Raummitte, sondern näher vor dem Toraschrein platzierte. Auch bei der Vergatterung der Frauenabteilung im Obergeschoß wollte sich die Gemeinde zurückhalten; vor der Fertigstellung beklagte sich jedoch Distriktsrabbiner Dr. Naphthalin Cohn beim Bezirksamt, dass die schmiedeeisernen Gitter entgegen der Vorgaben nicht hoch genug seien. Man einigte sich auf eine nachträgliche Verzierung, durch die das Gitter etwas an Höhe gewann. Die Frauenabteilung lag Hufeisenförmig über der Männerabteilung und war über ein Treppenhaus im Nordturm zugänglich. Die neue Synagoge wurde am 29. Juli 1904 feierlich und unter Teilhabe der gesamten Bevölkerung eingeweiht. Für das neue "Schmuckkästchen des Grabfeldes" hatte die Kultusgemeinde Königshofen ihr Eigenkapital aufgebraucht und einen Zuschuss des Verbands bayerischer Israelitscher Kultusgemeinden bekommen; der überwiegende Teil der Baukosten war jedoch durch große Darlehen finanziert, was die zukünftige Handlungsfähigkeit der wirtschaftlich stagnierenden Gemeinde lähmte. Außerdem fielen bereits 1925 Renovierungskosten an.

Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde das äußerlich intakte, aber kaum mehr benutzte Gebäude zunächst als Holz- und Getreidelager genutzt. Am 23. April 1941 erwarb die Stadt die Synagoge und das Schulhaus. Später diente das Gotteshaus als Unterkunft für belgische, französische und australische Kriegsgefangene. Nach 1945 blieb das Gebäude eine Ruine und verfiel. Der marmorne Rahmen des Toraschreins hatte die NS-Herrschaft überdauert und sollte nach dem Wunsch eines emigrierten Königshöfer Gemeindemitglieds nach Haifa kommen, was jedoch am zu hohen Kaufpreis scheiterte. Anfang September 1952 wurde die Synagoge mitsamt den Resten ihrer neuromanischen Ausstattung abgebrochen, auf den Grundmauern errichtete der neue Besitzer eine Tankstelle mit Autowerkstatt – angeblich wurden Ziegel der Synagoge in den Mauern wiederverwendet.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Bad Königshofen. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 595-626.