Jüdisches Leben
in Bayern

Bad Brückenau Synagoge

Mitte des 16. Jahrhunderts gibt es einen ersten Hinweis auf ein jüdisches Gemeindeleben in Brückenau. Zu dieser Zeit ist zum ersten Mal von einer "Schul" die Rede. Da zu Beginn des 17. Jahrhunderts etwa zehn jüdische Familien in Brückenau lebten, ist eine Synagoge zu dieser Zeit sehr wahrscheinlich. Der Standort dieser Synagoge befand sich direkt an der Stadtmauer (südliches Ende der Unteren Badersgasse). Nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde 1671 aus dem Territorium des Hochstifts Fulda wurde die Synagoge abgebrochen.

Die wenigen jüdischen Familien, die sich nach 1720 wieder in Brückenau ansiedeln konnten, feierten den Gottesdienst in einem Privathaus. 1763 wird eine "Schule" in einem Haus des Hayum Joseph erwähnt, die von der jüdischen Gemeinde als Synagoge genutzt wurde. 1783 wurde ein Vorsänger und Lehrer eingestellt. Die jüdische Gemeinde in Brückenau, die aus vier Familien bestand, erwies sich also als sehr konstant. In diesem Wohnhaus blieb bis zum Synagogenneubau nach 1876 der Betraum der Gemeinde. Der verheerende Stadtbrand von 1876 zerstörte auch das Wohnhaus mit dem Synagogenraum. Damit war aber auch die Möglichkeit für einen Neubau gegeben. Der erste Bauplan von 1883 zeigt ein zweistöckiges Gebäude. Im Erdgeschoß befanden sich die Schule und die Lehrerwohnung. Die Synagoge befand sich im Obergeschoß. Das Gebäude war von außen nicht als Synagoge zu erkennen. Der Synagogenraum bot Platz für etwa 50 Personen, wobei auch jüdische Kurgäste eingerechnet waren. Schon 1903 musste der kleine Raum bereits 44 männliche und 33 weibliche Gottesdienstbesucher fassen.

Der aufstrebende Badeort Brückenau hatte bald eine nennenswerte Anzahl von jüdischen Kurgästen. Dadurch erwies sich der Synagogenraum sehr bald als zu klein ausgelegt. Der Neubau ( Alter Schlachthofweg 11) sollte auf dem vorhandenen Grundstück erfolgen und das bisherige Gebäude als Schulhaus genutzt werden. Ein erster Entwurf von 1904 war auf 100 männliche und 70 weibliche Gottesdienstbesucher ausgelegt, wobei auch Kurgäste eingerechnet waren. Obwohl Prinzregent Luitpold persönlich die Synagogenpläne gut geheißen hatte, verzögerte sich der Bau. Gründe waren die ungeklärte Finanzierung, bürokratische Hemmnisse und die Notwendigkeit, einen Architektenwettbewerb für den Neubau durchzuführen. So konnte erst 1912 der Baubeginn erfolgen und im August 1913 feierte die jüdische Gemeinde die Einweihung. Dank ihrer Bedeutung als Badestadt bekam Brückenau eine Synagoge mit hohem architektonischen Anspruch:

Das freistehende Bauwerk war ein zweigeschossiger Zentralbau mit einer imposanten Kuppel. Das Erdgeschoß bot Platz für über 110 männliche Gottesdienstbesucher, die Frauenemporen hatten 65 Plätze. Der Stellung des Almemors in der vorderen Hälfte des Betsaals zeigt einen Kompromiss zwischen der vom strenggläubigen Distriktsrabbiner geforderten Mittelstellung und den Wünschen einer liberalen Gemeinde. Die Formensprache der Architektur des Neubaus hatte sich vollständig von den bisherigen orientalisierenden Baustilen, aber auch von der historisierenden Neoromanik und Neugotik gelöst. Gemeinsamkeiten zur 1910 eingeweihten Frankfurter Westend-Synagoge sind durch den Zentralbaucharakter deutlich.

Die Zerstörung der Synagoge in Brückenau im Verlauf des Novemberpogroms 1938 war eine geplante Aktion. Am 10. November 1938 drang im Verlauf der Plünderungen und Zerstörungen von jüdischen Wohnhäusern ein Mob auch in die Synagoge ein. Das Inventar wurde zerstört, die Gebetsrollen zu Boden geworfen und verbrannt. Herbeigebrachtes brennbares Material wurde in der Synagoge angezündet. Im Beisein einer großen Menschenmenge vor dem Gebäude stand am Mittag das Gebäude in Flammen. Die Synagoge brannte vollständig aus, das Kuppeldach stürzte ein und es blieben nur noch die Außenmauern stehen. Das Grundstück mit der Ruine der ehemaligen Synagoge und dem Schulgebäude kaufte die Stadt Brückenau im Januar 1939 für 6600 RM von der Israelitischen Kultusgemeinde Brückenau an. Nach dem Weiterverkauf an eine Firma 1941 erfolgte ein grundlegender Umbau. Das Gebäude wird heute als Gewerbe- und Wohnhaus genutzt. Seit 2001 erinnert eine Gedenktafel an das Schicksal der ehemaligen Synagoge und an das Leiden der jüdischen Gemeinde.


(Patrick Charell)

Adresse / Wegbeschreibung

Alter Schlachthofweg 11, 97769 Bad Brückenau

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Bad Brückenau. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 11-46.
  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 92-95.