Jüdisches Leben
in Bayern

1342: Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud

Neben der Hebräischen Bibel ist der Talmud die zweite textliche Grundlage des Judentums. Dieses Kompendium von Kommentaren zur Torah, von gottesdienstlichen Praktiken, Verhaltensregeln, Überlieferungen und Erzählungen ist in zwei Versionen bekannt: Der umfangreichere „Babylonische Talmud“ (hebr.: Bavli), der im sassanidischen und früharabischen Irak entstand, wird neben dem „Jerusalemer Talmud“ als vorrangig angesehen. Der Codex hebraicus 95 der Bayerischen Staatsbibliothek, bekannt als die "Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud", ist die einzige erhaltene Handschrift weltweit, die fast unbeschadet den gesamten Text umfasst. Die UNESCO hat sie im April 2025 in das Internationale Register Memory of the World aufgenommen. Die Münchner Handschrift wurde am 17. Tevet 5103 (hebräisches Datum), d. h. am 15. Dezember 1342 n. Chr., in Frankreich fertiggestellt. Der Schreiber Shlomoh ben Rabbi Shimshon vermerkte, dass er alle „sechs Ordnungen“ (der Mischna, und dazu die komplette Gemara) in einem Band vollendet hatte. Als seinen Auftraggeber nennt er Jehosifyah Benjamin, der zu einer bedeutenden jüdischen Familie in Frankreich gehörte.


Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts befindet sich der Codex in Deutschland und war lange im Besitz der schwäbisch-jüdischen Familie Ulma in Pfersee bei Augsburg. Im späteren 18. Jahrhundert veräußerte die Familie besonders wertvolle Bücher, und das Augustinerchorherrenstift Polling bei Weilheim erwarb den Talmud. Die dortige Bibliothek (der Saal ist bis heute erhalten) gehörte zu den bedeutendsten Klosterbibliotheken ihrer Zeit im deutschsprachigen Raum. Dort wurden damals gezielt auch die Quellen anderer Religionen gesammelt. Motivation dieses frühen religionswissenschaftlichen Strebens war, das Christentum aus jüdischen Quellen und im Vergleich mit dem Islam besser zu verstehen, um damit aber die Überlegenheit des Christentums vermeintlich wissenschaftlich nachweisen zu können. Der Erwerb selbst ist nicht dokumentiert, muss aber in den Jahren zwischen 1772 und 1796 vorgenommen worden sein, noch während der Amtszeit von Propst Franz Töpsl, der seinerseits der katholischen Aufklärung zugewandt war.


1803 im Rahmen der Säkularisation gelangte die Handschrift in den Besitz der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek. Dass sich der Buchschatz nunmehr in staatlichem Besitz befand, sollte sich als segensreich erweisen. Denn als die Naziverbrecher jüdische Menschen und Bücher vernichteten, ließen sie die Hebraica der Bayerischen Staatsbibliothek unangetastet – weil sie Staatsbesitz waren. Auch vor den Zerstörungen durch Luftangriffe, denen rund 500.000 Bände der Bayerischen Staatsbibliothek zum Opfer fielen, konnten die wertvollen Handschriften durch frühzeitige Auslagerung bewahrt werden. Die Handschrift wurde bereits 2003 von der Bayerischen Staatsbibliothek vollständig digitalisiert. Aufgrund ihrer Unikalität, ihrer Geschichte, ihres wissenschaftlichen Wertes und ihrer religiösen Bedeutung zählt die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmud zu den kostbarsten Buchschätzen der Menschheit. Unter den rund 148.000 Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek ist dieser Codex die erste, die als Einzelobjekt, nicht in einem Konvolut und gemeinsam mit anderen Bibliotheken, in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes eingetragen wurde.

 

(Stefan Wimmer)