Jüdisches Leben
in Bayern

um 1485: Der Gelbe Ring in Weihenstephan

Disputation des hl. Stephanus. Aus dem Hochaltarretabel der Benediktiner-Klosterkirche Weihenstephan in Freising. Mischtechnik auf Fichtenholz. Jan Polack, München um 1483-89. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv. 1396.



Der Gelbe Ring  synonym auch Gelber Kreis, Judenring oder auch Judenkreis genannt – ersetzte im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, von etwa 1434 an, den "Judenhut" als Kennzeichen der jüdischen Bevölkerung im Heiligen Römischen Reich. Wohl nach dem Vorbild von Frankreich oder Spanien wurden in anderen Ländern des christlichen Europas sehr ähnliche Abzeichen bereits deutlich früher eingeführt: Wagenräder, Kreise und Flecken, mit Ausnahme von England (safrangelbe Gesetzestafeln) und Polen (rotes Tuch). Im Königreich Portugal wurde ab 1325 ein gelber Stern zur Pflicht, der dem "Judenstern" der Nationalsozialisten ähnelte.

Die Farbe Gelb wurde nicht zufällig ausgewählt: In der mittelalterlichen Farbenlehre war ein fahles, fast grünliches Gelb (im Gegensatz zu Gold) das Symbol für das Höllenlicht, stand für Gottesfeindschaft und Sünde, für Wollust, Neid, Ketzerei und Krankheit. Bis in das 20. Jahrhundert hinein hissten Schiffe eine gelbe Quarantänefahne, wenn an Bord eine ansteckende Krankheit ausgebrochen war; der Spruch "Gelb vor Neid!" ist bis heute in Gebrauch. Diskriminierte Randgruppen der Gesellschaft wurden durch gelbe Abzeichen gebrandmarkt: Prostituierte waren an ihren gelben Bändern oder Hauben zu erkennen, Juden mussten einen gelben "Judenhut" oder später den Gelben Ring tragen, wenn sie auf die Straße traten.

Die Farbe Rot war als Symbol des Blutes, der Liebe und Macht in der kirchlichen Liturgie, wie auch dem Adel beliebt und entsprechend weit verbreitet. In der christlichen Kunst wird Rot in Verbindung mit Gelb jedoch zur Farbe des Teufels und der verbotenen Leidenschaften. In der "Disputation des hl. Stephanus" (aus dem Kloster Weihenstephan bei Freising) wird der ganze Bildaufbau von diesen zwei Farben und dem "Judenring" beherrscht.

Das Tafelbild gehörte zu einem Altarretabel, das in mehreren Bildern die Heiligenlegende des Stephanus erzählte: Er war einer der ersten sieben Diakone der christlichen Urgemeinde in Jerusalem, wurde wegen Gotteslästerung angezeigt und vor den Hohen Rat des Tempels zitiert, offenbarte eine Gottesvision und starb für sie den Tod durch Steinigung (Apg 6,5-7,60). Er wird daher als erster Märtyrer und Heiliger verehrt.

Das "charakteristischste Bild" des ganzen Retabels (Rosthal 1999) fast mehrere Ereignisse auf einmal zusammen: Links die Denunziation, rechts die Festnahme, als zentrales Motiv der Disput des hl. Stephanus mit den Schriftgelehrten. Er sitzt dabei auf einer thronartigen "Kathedra", dem Lehrstuhl der Kirchenlehrer, und hat das Gesicht seiner Vision zugewandt: "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen" (Apg 7,56).

Stephanus wird von jüdischen Schriftgelehrten eingerahmt, deren körperliche Nähe und teils aggressive Mimik bedrohlich wirkt. Ledergebundene Bücher und zerknüllte Notizzettel bilden einen Wall um den Heiligen: Während jener frei spricht, gestützt auf seine Visionserfahrung, berufen sich die Gelehrten auf ihre Religionsgesetze. Dies ist ein Hinweis auf den Vorwurf der Kirche gegenüber Juden, dass diese wegen ihres Festhaltens am buchstabengetreuen Glauben den Bund mit Christus verweigerten. Die Schriftgelehrten tragen mehrheitlich fahlgelbe Unterkleider, fünf dazu noch ein rotes oder fahlrotes Gewand. Mit dieser Farbkombination werden sie von Jan Polack als heimtückische Gegner diffamiert, die bereits auf den Märtyrertod von Stephanus hinarbeiten. Der Gelbe Ring ist deutlich an der Kleidung zu sehen und kennzeichnet die Träger als Juden. Zwei der sitzenden Schriftgelehrten bilden mit Stephanus eine horizontale Blickachse. Ihre Gewänder sind mit zahlreichen, formal korrekten, aber in keinem sinnvollen Zusammenhang stehenden hebräischen Buchstaben verziert. Der Maler Jan Polack hatte wohl Vorlagen kopiert, ohne sie zu verstehen oder übersetzen zu können.

(Patrick Charell)

  • Christoph Kürzeder / Carmen Roll (Hg.) / Ronja Emmerich / Tobias Kunz (Bearb.): GOTIK. Mittelalterliche Bildwerke aus dem Diözesanmuseum Freising, Bd. 2. München 2022, S. 51-97.
  • Jens J. Scheiner: Vom "Gelben Flicken" zum "Judenstern"? Genese und Applikation von Judenabzeichen im Islam und christlichen Europa (841–1941). Frankfurt am Main 2004.
  • Willehad Paul Eckert: Juden, Judentum. In: Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 2. Freiburg i. Br. 1970, S. 450-454.