In Zell bestand vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde. Sie war geprägt von Wirken der Familie Rosenbaum, die hier eine Talmudschule einrichtete. Sichtbares Zeichen dieser Gelehrtenfamilie ist bis heute eine Laubhütte (Sukka).
Der in Theilheim bei Schweinfurt geborene Mendel Rosenbaum (1782-1868) erwarb 1822 Gebäude des 1803 aufgehobenen Prämonstratenser-Nonnenklosters Unterzell. Das rechteckige Ensemble zwischen der heutigen Hauptstraße und dem Mainufer erhielt den Namen "Judenhof". Rosenbaum, ursprünglich als Hausierer tätig, baute in Unterzell eine florierende Nagelschmiede auf. Bekannt wurde er durch den Aufbau einer Talmudschule (Jeschiwa), die bald überregionalen Ruf genoss. Sein Schwiegersohn Lazarus Wolf Bergmann lebte zeitweise in Jerusalem. Moses Weiskopf, der spätere Rabbiner in Paris, war einer der ersten Schüler. Aufgrund seines hohen Ansehens in den jüdischen Gemeinden Bayerns konnte Rosenbaum mehrfach Einfluss auf die Besetzung von Rabbinerstellen nehmen.
Ebenso wichtig war ihm aber auch seine politische Tätigkeit im Kontakt mit den Behörden vor Ort und der Regierung in München, um die drückenden Bestimmungen der Juden-Matrikel abzumildern. In seinem Nachruf hieß es: "Es war kaum ein Jahr, in welchem derselbe nicht 2-3-mal nach München reiste, und sich dort 5-7 Wochen aufhielt, um dort unentgeltlich zum Guten des Allgemeinheit zu arbeiten. Er hatte sich bei allen Ministern Zutritt verschafft, und bei seinem Erscheinen hieß es gewöhnlich: der Bischof der Juden von Zell ist hier. Es gelang ihm auch, unzählige harte Bestimmungen gegen Juden nach und nach außer Wirksamkeit zu setzen. In seinem 70. Lebensjahr hatte er noch eine halbstündige Audienz bei dem höchstseligen Könige Max, der ihm die bündigste und beste Zusicherung gab, und ihm vom Kabinette aus später direkt die Gewährung seiner Bitte zukommen ließ."
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts umfasste die jüdische Gemeinde etwa 70 Mitglieder. Es wird vermutet, dass im "Judenhof" ein Betsaal und eine Mikwe vorhanden waren, davon fehlen allerdings Zeugnisse. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Schwanfeld begraben. Nach dem Tod der beiden Söhne Jona Rosenbaum (1894) und Eliah Raphael Rosenbaum (1886) fehlten die Rabbiner-Persönlichkeiten zur Weiterführung der Schule. Um 1908 wurde die Gemeinde aufgelöst, die letzten jüdischen Einwohner verließen Zell im Jahr 1925.
In der NS-Zeit sind die folgenden, aus Zell am Main gebürtigen Personen nach den Deportationen umgekommen: Olga Bamberger geb. Goldschmidt (1889), Benno (Benzion, Bension) Goldschmidt (1857), Benjamin Goldschmidt (1863), Flora Oppenheim geb. Ullmann (1886), Sara Seligsberger geb. Wolff (1885).
Die ehemalige Klosteranlage mitsamt der Jeschiwa, Synagoge und Mikwe wurde am 31. März 1945 durch einen Fliegerangriff weitegehend zerstört. Auf dem Areal entstanden später neue Wohnungen, in den gotischen Umfassungsmauern der Klosterkirche St. Maria und Cäcilia befindet sich heute die evangelische Versöhnungskirche. Der "Judenhofbrunnen" ist jedoch noch erhalten, ebenso das alte Propsteigebäude aus dem frühen 17. Jahrhundert. Am Oberen wie auch den Mainseitigen Torbogen der Anlage sind Vertiefungen für eine Mesusa in den Stein gemeißelt.
Im Hof hinter seiner Wohnstätte Judenhof 1 hatte die Familie Rosenbaum in einem ehemaligen Waschhaus eine Laubhütte für das Sukkot eingerichtet. Heute ist das Vorderhaus abgetrennt und befindet sich in Privatbesitz, jedoch wurde die Laubhütte renoviert und 2014 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie umfasste ursprünglich einen etwa 18 qm großen Raum. Bereits zur Zeit der 1894 verstorbenen Rabbiners Jona Rosenbaum wird die Existenz einer Laubhütte erwähnt, die aber sicher bis in die Zeit von Mendel Rosenbaum zurückreicht. "Als wäre die Zeit stehen geblieben, ist die Decke mit einem blaugrün gestrichenen Lattenspalier sowie Blättern und Zweigen eines Laubhüttenfestes aus dem frühen 20. Jahrhundert überreich geschmückt", so der Eindruck von Hans-Christoph Haas vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Das Gebäude wurde 1909 von seinem letzten jüdischen Besitzer verkauft und befindet sich heute im Besitz der Marktgemeinde Zell. Bei diesem einzigartigen Zeugnis jüdischer Kultur in Unterfranken ist sogar noch der Rollmechanismus zum Öffnen und Schließen der mittleren Dachteile vorhanden.
Eine Wanderausstellung des "Freundeskreises der Zeller Laubhütte" gastierte 2016/17 in Zell am Main, Veitshöchheim, Würzburg und Thüngersheim. Mit Fotografien und Texte rund um das historische Gebäude förderte sie in der Region das Bewusstsein um die kulturhistorische Einmaligkeit des geschützten Baudenkmals.
Der Informationspunkt Rosenbaumsche Laubhütte wurde im Oktober 2018 eröffnet. Vor der historischen Laubhütte der Familie Rosenbaum in Unterzell geben reich bebilderte Texttafeln Einblicke in das jüdische Leben in Zell a. Main. Im Innern der Laubhütte wird anhand der freigelegten und erhaltenen Reste der Laubhütte erläutert, warum und wie in Zell das Jahrhunderte alte jüdische Laubhüttenfest begangen wurde. Eine Medienstation zeigt dort auch Fotos heutiger Laubhütten in gegenwärtigen jüdischen Gemeinden in Deutschland.
Einen Flyer zu Informationspunkt Rosenbaumsche Laubhütte finden Sie hier.
Persönlicher Dank geht an Anette Taigel, Zell am Main, für ihre freundliche Unterstützung.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1875
Literatur
- Dieter Fauth: Juden aus Zell a. Main im Nationalsozialismus. Eine Gedenkschrift. Zell a. Main 2019.
- Roland Flade: Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken. Würzburg 2015.
- Hans-Christof Haas: Eine Laubhütte im Wirtschaftshof des Klosters Unterzell. Die Sukka der Gelehrtenfamilie Rosenbaum in Zell am Main. In: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (hg.): Denkmalpflege Information 149 (Juli 2011), S. 23-25.
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 146f.
- Roland Flade: Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Würzburg 1987, S. 95f.
- K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 213.
Weiterführende Links
- Jüdische Gemeinde Unterzell (Alemannia Judaica)
- Broschüre Rosenbaumsche Laubhütte (Marktgemeinde Zell)
- Die Laubhütte der Gelehrtenfamilie Rosenbaum (Alemannia Judaica)
- Kloster Unterzell (Haus der Bayerischen Geschichte)
- Zeller Laubhütte (WürzburgWiki)
- Jüdisches Wohnhaus (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Gartenhaus im Kloster Oberzell, Wohnhaus für Joel Jacob Hirsch, (Bayerischer Denkmal-Atlas)
