Wann sich zum ersten Mal Juden im Dorf Wittelshofen niedergelassen haben, bleibt nach aktuellem Forschungsstand unbekannt. Belege für jüdisches Leben finden sich erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Ansbacher Markgrafen Albrecht II. (reg. 1634-1667) und Johann Friedrich (reg. 1667-1686) mehrere Schutzbriefe für Wittelshofen ausstellten. Im Jahr 1712 zählte die Gemeinde bereits zu den „wohlhabenden Judenorte[n]“ im Ansbacher Land und machte einer Pfarrchronik zufolge 1731 mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Das führte wie so oft zu Beschwerden der christlichen Ortsgeistlichen, die sich immer wieder über die wegfallenden Stolgebühren beklagten. Indes konnte dies das weitere Wachstum nicht aufhalten: Als 1792 das Vogtamt aufgehoben wurde, erwarben zwei Juden für 1.800 Gulden das örtliche Schloss. Eine der beiden Familien nahm zu Beginn des 18. Jahrhunderts den Namen „Schlossheimer“ an, die Nachkommen lebten noch bis 1938 im Ort.
Bei der Erfassung aller jüdischen Gemeinden im Rezatkreis 1811 zählte man in Wittelshofen 184 Personen mit einer Synagoge, die vom Distriktsrabbinat Gunzenhausen betreut wurde. 1814 schloss sich die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Wassertrüdingen an, dem sie bereits vor 1807 angehört hatten. Über die wirtschaftliche Situation der Wittelshofener Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestehen widersprüchliche Angaben. Fest steht zumindest, dass die Gemeinde durch ihr eigenes Sozial- und Versorgungssystem genauso, wenn nicht stärker belastet wurde als die christliche Bevölkerung. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Hausväter lebte von Handels- und Vermittlungsgeschäften. Dass die Finanzen knapp waren, zeigt auch die Problematik der Gemeindemikwe: 1821 forderte das Landgericht Dinkelsbühl den Bau eines modernen Warmwasserbades. Mangels Bauplätze und wegen der hohen Kosten erhob die Gemeinde Einspruch, 1824 folgte die zweite Aufforderung, wieder geschah nichts, und als 1828 alle Ritualbäder wegen neuer Hygienevorschriften kontrolliert wurden, erfasste der zuständige Landgerichtsarzt in Wittelshofen nicht weniger als acht ungenügende Kellermikwen. Erst 1830 konnte der „Koenigl. Bau-Conducteur Schüller zu Nördlingen“ eine geeignete Quelle ausfindig machen, auf der für 950 Gulden nach Plänen von Balthasar Meyer ein Badehaus mit beheizbarer Mikwe als Anbau an das Schulgebäude mit Lehrerwohnung errichtet wurde (heute Postweg 7).
Für weitere Irritationen sorgte der Staat durch seine Entscheidung, dass ab dem 28. Januar 1828 nur noch akademisch ausgebildete und geprüfte Lehrkräfte den jüdischen Religionsunterricht erteilen durften. Es kam zu Diskussionen über den Lehrplan, der den schulpflichtigen Kindern anfangs kaum Zeit zum Besuch der christlichen Volksschule lies, außerdem stellten einige Eltern die Autorität des 1828 offiziell eingestellten Lehrers Simon Gallinger in Frage. Zermürbt reichte er 1839 seinen Abschied ein und emigrierte in die USA. Die Gründung einer eigenen jüdischen Elementarschule kam nie über die anfängliche Planungsphase hinaus, es blieb bei einer Religionsschule.
1843 konnte die Gemeinde nach schwierigen Planungen eine neue Synagoge einweihen, die auf dem Standort des Vorgängers errichtet wurde. Als das Rabbinat Wassertrüdingen aufgelöst worden war, trat die IKG Wittelshofen Anfang 1853 dem Distriktsrabbinat Schopfloch bei. Ab 1872 fiel der ganze Bezirk an das große Distriktsrabbinat Ansbach, dem auch Wittelshofen offiziell 1897 zugeteilt wurde. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Zahl der Jüdinnen und Juden in Wittelshofen kontinuierlich abzunehmen: Vor allem junge Menschen suchten eine bessere Zukunft im Ausland. Mit dem Recht auf freie Berufs- und Wohnortswahl im Jahr 1861 verstärkte sich dieser Trend zu einer großen Abwanderungswelle, die sehr viele Landgemeinden in Mittelfranken betraf. Ein Beispiel dafür ist Louis Lamm, geboren 1871 in Wittelshofen, dann Buchhändler, Antiquar, Verleger und Historiker in Berlin. Er stellte 1914 einen Stammbaum seiner Familie, der Leviten-Familie Lamm, zusammen. Der Stammbaum beginnt mit dem um 1720 in Wittelshofen geborenen David Lamm. Louis selbst wurde 1943 in Auschwitz ermordet.
Um 1900 lebten nur noch 39 Juden im Ort, die allen aufkommenden Streitigkeiten zum Trotz fest in das Gemeindeleben integriert waren. Kultusvorstand und Kriegsveteran Salomon Winter (1871-1943), ein Nachkomme der Familie Schlossheimer, war Mitglied im politischen Gemeinderat, außerdem sang seine Tochter Flora im christlichen Kirchenchor. Nach dem Tod des letzten jüdischen Lehrers Julius Sommer entschied sich die gemeinde dazu, ihre Schule 1926 zu schließen: Es gab nicht mehr genügend Schulkinder, welche die Kosten gerechtfertigt hätten. Auch die regelmäßigen Erwachsenenlehrstunden (Schiurim) endeten. Das Gebäude wurde 1929 verkauft, und zu besonderen Anlässen kam der Mönchsrother Lehrer Gustav Erlebacher in den Ort.
Bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zeigten sich im Ort Wittelshofen starke völkische Tendenzen, die Führer der NSDAP wurden bei ihren Propagandaauftritten hofiert. Nach 1933 verschärfte sich die Lage für die verbliebenen fünf jüdischen Familien: Weinschenk, Oberdorfer, Gallinger und Eisen, allesamt 15 Personen. Ab dem 28. Mai 1935 wurde ihnen der Zutritt zur Badeanstalt untersagt, gleichzeitig kam es zu Boykottaktionen gegen ihre Geschäfte. Der Bäcker Friedrich Tempel, NS-Bürgermeister von 1933 bis 1945, weigerte sich Brot an Juden zu verkaufen und bezeichnete seinen toleranteren Kollegen Friedrich Stinzing als „Judenknecht“. Tempels andauernde Hetze ist maßgeblich verantwortlich für viele gewalttätige Übergriffe. Weil am 1. Juli 1938 nur noch neun Juden im Ort lebten, wurde die Kultusgemeinde im September aufgelöst. Die Ritualien der Synagoge kamen an den VBIG nach München und gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Am Morgen des 10. November 1938 beschädigten „auswärtige SA-Leute“ (wahrscheinlich aus Feuchtwangen) das leerstehende Gotteshaus und demolierten die jüdischen Privathäuser. Die Bewohner wurden auf einem Lastwagen in das Gefängnis nach Feuchtwangen verschleppt. Einige Tage später durften sie kurz zurückkehren, um aus ihrem zerstörten Hausrat private Erinnerungsstücke zu retten. Bei diesem Anlass ließ Bürgermeister Tremel die Stadt zur Feier beflaggen. Im Dezember mussten Roa Oberdorfer und Salomon Winter ihre Anwesen zu verkaufen. Das Haus von Josef und Rosa Weinschenk sollte in den Besitz der Bürgergemeinde übergehen, die dort ein HJ-Heim mit Sportplatz errichten wollte.
Von den Juden und Jüdinnen, die den Novemberpogrom in Wittelshofen miterlebt hatten, überlebte keiner die Schoah.
Im Heimatmuseum Zoller (Schloßstraße 11) ist auf einem Wandgemälde neben den christlichen Kirchen auch die Synagoge zu sehen. Dank einer Initiative des Heimatforschers Heinrich Zoller wurde 2008 gegenüber dem Museum auf einem Findling eine Gedenktafel für die ausgelöschte israelitische Kultusgemeinde angebracht, die 300 Jahre lang die Geschichte des Dorfes maßgeblich mitgestaltet hatte.
(Patrick Charell)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Barbara Eberhardt / Cornelia Berger-Dittscheid: Wittelshofen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 757-770.
- Louis Lamm: Durch drei Jahrhunderte. Stammtafel der Levittenfamilie Lamm. Berlin 1914.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 176.
