Jüdisches Leben
in Bayern

Windsbach Gemeinde

Im Jahr 1298 fielen Juden aus Windsbach der Rintfleisch-Verfolgung zum Opfer – diese Nachricht ist gleichzeitig der früheste Beleg für jüdisches Leben in der Stadt. In einem markgräflichen Urbar von 1420 sind in Windsbach allerdings keine Juden mehr verzeichnet, und in den nächsten zweieinhalb Jahrhunderten lebten nur vereinzelt und temporär Familien unter dem Schutz von Oberamtmännern auf deren privaten Gütern. 1688 und 1690 wurden Moyses und Amson Neumark aus Gunzenhausen, die einer etablierten Familie von Hoffaktoren entstammten, in Windsbach aufgenommen. Weitere Familien folgten in den kommenden Jahren, allerdings erschwerten „Hochfürstliche Verordnungen“ das Wachstum der neuen Gemeinde. Neben einer Synagoge und einer privaten Kellermikwe entstand auch eine Herberge für durchreisende Juden. Bis Ende 1750 befand sie sich im Haus des Martin Brändlein, anschließend im Haus des Tuchmachers Jacob Müller in der unteren Vorstadt. Am 10. Februar 1751 erließ die Stadt eine neue „Juden Ordnung“, die unter anderem strengere Vorschriften für diese Herberge enthielt. Der Schwerpunkt der Gemeinde lag wohl am Oberen Tor in der „Judengasse“ (heute Hintere Gasse). 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte die jüdische Kultusgemeinde Windsbach zum Bezirksrabbinat Schwabach, ihre Verstorbenen bestattete sie „seit alters“ her auf dem Friedhof in Georgensgmünd. Bei der ersten statistischen Erfassung im Jahr 1811 lebten in Windsbach 61 jüdische Frauen, Männer und Kinder. Die meisten der 15 Hausväter lebten vom Handel und Vermittlungsdiensten, es gab einen Chasan und einen Melamed. Nach dem Erlass des bayerischen Judenedikts von 1813, das auch die Hinführung der jüdischen Bayern zu „bürgerlichen“ Berufen beabsichtigte, änderte sich die Erwerbsstruktur zumindest bei der Jugend: Von 17 „Judenpurschen über 14 Jahre“ arbeiteten im Jahr 1824 zwar weiterhin fünf als Schmuser, zwei als Händler, drei als Hausierer, es gab aber auch zwei Weberlehrlinge, einen Landwirt, einen Säcklerlehrling, zwei Schumacherlehrlinge, einen Metzger und einen „künftigen Metzgerlehrling“. 1826 wurde die Herberge der Kultusgemeinde als ein veraltetes, vorstaatliches Relikt behördlich geschlossen. Bei der Überprüfung aller Ritualbäder entsprach die Windsbacher Kellermikwe nicht den neuen Hygienevorschriften. Erst in den 1840ern scheint es jedoch einen entsprechenden Neubau gegeben zu haben, wohl im Erdgeschoss des Gemeindehauses, doch die Quellenlage ist hierzu sehr lückenhaft. Auch beim Religionsunterricht griff der Staat in althergebrachte Traditionen ein: Weil ab 1828 alle jüdischen Lehrer eine nachprüfbare akademische Ausbildung vorweisen mussten, wurde der studierte Simon Krämer aus Schnaittach als neuer Religionslehrer angestellt. Krämer gründete in Windsbach einen religiös-kulturellen Bildungsverein und ging 1831 nach Altenmuhr. Am 11. Oktober 1850 konnte die Kultusgemeinde ihre neue, aber sehr bescheidenen Synagoge am Oberen Tor einweihen (heute Heinrich-Brandt-Straße 2). 

Mit dem Recht auf freie Berufs- und Wohnortswahl im Jahr 1861 suchten vor allem junge Jüdinnen und Juden ihr Glück in den Großstädten oder gleich im Ausland. In der Folge halbierte sich die Zahl der Gemeindemitglieder in Windsbach bis 1920 von knapp 100 auf 43. Die meisten jüdischen Windsbacher waren noch immer im Handel mit Hopfen, Vieh, Schnittwaren und Textilien tätig. Sie engagierten sich in zahlreichen Vereinen und der freiwilligen Feuerwehr. Aus den Gemeinden und Kleinstädten des Umlands kamen Kunden extra zum Einkauf nach Windsbach; eine Zeitzeugin erinnerte sich: „Wie die Juden no do woarn, dou hot’s no g’flutscht“. Während des Ersten Weltkriegs dienten etliche jüdische Männer aus Windsbach aus Soldaten, Adolf Bär und Julius Gutmann kehrten nicht zurück. Ihre Namen stehen auf dem 1921/22 errichteten Kriegerdenkmal nördlich der Stadt auf den Hügelterrassen. In der Weimarer Republik war Simon Weinschenk ein Mitglied des Stadtrats und stiftete gemeinsam mit seinen Kollegen ein neues Buntglasfenster im Rathaus. Allerdings verbreitete sich mit dem Trauma des verlorenen Krieges eine antisemitische Stimmung in Windsbach. Bereits 1922 wurden die Synagoge und viele jüdische Häuser mit roten Hakenkreuzen beschmiert. Seit 1929 unterhielten die Windsbacher Juden gemeinsam mit der Gemeinde in Altenmuhr einen Schächter und Religionslehrer, die verbliebenen acht Schulkinder gingen zum Unterricht in den Nachbarort. 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verschärften sich die Zustände, zumal der gleichgeschaltete Stadtrat zahlreiche diskriminierende Verordnungen erließ. Er untersagte den Juden etwa den Zugang zu den städtischen Badeanstalten und rief zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Die meisten Juden verließen bis 1938 ihre Heimat, die ihnen keine Zukunft mehr bot. Obwohl die Stadtverwaltung alle verbliebenden Familien noch zu einem vertraglichen Einverständnis nötigte, bis zum 1. März 1939 wegzuziehen und ihnen wenigstens bis dahin Schutz versprach, brach das Novemberpogrom mit voller Wucht über die Windsbacher Juden herein. In der Nacht auf den 10. November 1938 wurden sie in die Umkleideräume der städtischen Turnhalle gesperrt, wo man sie körperlich und psychisch misshandelte. SA-Leute und Mitglieder des NS-Kraftfahrkorps stürmten die jüdischen Häuser, um laut Befehl „alles kurz und klein zu schlagen“. Die Synagoge wurde geschändet und geplündert. Die jüdischen Männer kamen am 10. November mit einem Bus nach Ansbach in Haft. Ob sie anschließend in das Konzentrationslager Dachau verschleppt wurden, ist unklar. Bis zum 17. November war die Kultusgemeinde völlig erloschen, der Besitz an christliche Anwohner verkauft. Nur Floria Reuter, die bei ihrer Heirat mit dem evangelischen Uhrmacher Adam Reuter 1932 die Taufe empfangen hatte, überlebte die Diktatur der Nationalsozialisten in Windsbach. 

In den 1990ern begann eine rege Aufarbeitung der jüdischen Geschichte: 1995 veröffentlichte Karl Dunz das Buch „Das Schicksal der Windsbacher Juden“. Ein Jahr später gab Alfred Kraut eine Materialsammlung von Pfarrer Hermann Altmann mit dem Titel „Die Judengemeinde der Stadt Windsbach 1298-1938“ heraus. Ein Paar silberner Torakronen (Rimmonim) aus der Windsbacher Synagoge, gestiftet von Bertha und Jakob Bär Weinschenk, lagerten Jahrzehnte auf einem Dachboden in Nürnberg. Nach einem Filmbeitrag des Historikers Ralf Rossmeissl meldeten sich die Nachfahren einer Arbeiterin, die beide Ritualien vor der Zerstörung im Schmelzwerk gerettet und versteckt hatte. Im Jahr 2003 wurden die Rimmonim bei einer Veranstaltung des Heimatvereins den Nachkommen und Erben der ermordeten Weinschenks übergeben, kurze Zeit später publizierte Rossmeissl sein Werk „Jüdische Heimat Windsbach“.

2008 wurde auf Bestreben des Heimatvereins eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge angebracht. Ein weiterer Gedenkstein auf dem Friedhof von Georgensgmünd erinnert auch an die 15 Windsbacher Jüdinnen und Juden, die zwischen 1941 und 1945 in Konzentrationslagern starben.  Zum 75. Jahrestag des Novemberpogroms wurde auf Stadtratsbeschluss die am Oberen Tor beginnende ehemalige „Judengasse“ (heute Hintere Gasse) durch eine ergänzende Beschilderung wieder kenntlich gemacht.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Cornelia Berger-Dittscheid: Windsbach. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 736-756.
  • Rolf Rossmeissl: Jüdische Heimat Windsbach. Windsbach 2003.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 175.