Erstmals sind 1591 unter dem Reichsritter Veit Ulrich zu Thüngen die Schutzjuden Israel und Jakob in Völkersleier nachgewiesen. In den Jahrzehnten danach sind weitere aktenkundig. Es entstand eine kleine jüdische Gemeinde vorwiegend ritterschaftlicher Schutzjuden, die kontinuierlich wuchs: Im April 1699 lebten sieben jüdische Familien mit 37 Personen unter dem Thüngen‘schen Schutz. Zwei Familienväter bezogen das Würzburger "Zollzeichen", um einer Handelstätigkeit im Hochstift nachgehen zu können. 1736/38 zahlten die Juden Samuel und Feist neun Gulden, Simon und Löb 9 fl. 30kr. sowie Menke sechs Gulden im Jahr. In diesem Jahr wird erstmals eine "Schule" erwähnt, für die "Kauffman Jut" neun Gulden entrichten musste.
1760/61 zahlten neun jüdische Familien ihr Schutzgeld, zuzüglich der neun Gulden Synagogengeld. Im 18. Jahrhundert hatten die Thüngen ihren Schutzjuden nördlich des Schlösschens ("Hofhaus"), am Rand einer großen, vermutlich als Schafweide genutzten Freifläche eine Reihe einfachster, eingeschossiger Häuser errichtet (heute Fronstraße 2-4). Drei weitere jüdische Häuser lagen westlich des Hofs (heute Am Seeblick 5-7). Vor 1800 besaßen nur vier Juden eigene Immobilien im Ort. Im 1787 erbauten Haus des Itzig Götz (besteht nicht mehr, heute Am Seeblick 9) war ein „Juden-Tauchbad“ (Mikwe) eingerichtet, für das ebenfalls Gebühren an die Thüngen anfielen. Ein zweites Ritualbad befand sich unter der Wohnung des Ortsrabbiners, vermutlich im Haus Nr. 43 am Hofgarten. Die Gemeinde besaß ab 1762 eine eigens gebaute Synagoge hinter den "herrschaftlichen Judenwohnungen an der Schaafgaß", die zwei Mikwen und ein Gemeindehaus. Ihre Verstorbenen begrub die jüdische Gemeinde auf dem Verbandsfriedhof in Altengronau bzw. in Pfaffenhausen. Es gab eine Armenkasse (Hekdesch-Kasse) und einen Wohltätigkeits-/Sterbeverein (Chevra Kaddischa). Der Vorsänger Samuel Sondheimer erweiterte sein Fachwerkhaus mit herrschaftlicher Erlaubnis im Jahr 1795, um darin eine Kurz- und Lederhandlung zu betreiben (Am Seeblick 5). Erst 1800 verkaufte Karl VI. Freiherr von Thüngen (1776–1841) den Völkersleier Juden die neun Häuser, in denen sie ohnehin schon gelebt hatten.
Im Zuge der Säkularisation und der napoleonischen Kriege fiel das Dorf bis 1814 an das Königreich Bayern. Das Geschlecht der Thüngen behielt jedoch noch bis 1848 die Patrimonialgerichtsbarkeit. 1817 wurden mit dem Bayerischen Judenedikt 23 Matrikelstellen in Völkersleier vergeben. 1821 lebten 90 Jüdinnen und Juden im Ort. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen/Hammelburg beigesetzt. Die jüdische Gemeinde unterhielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch einen eigenen Rabbiner, der auch das Amt des Vorsängers und Schächters bekleidete. Später gehörte die Gemeinde zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen, und ein staatlich geprüfter jüdischer Lehrer verrichtete auch die alltäglichen rituellen Dienste. Wie oft in jüdischen Landgemeinden war die Besetzung der Kantor/Lehrerstelle einem häufigen Wechsel unterworfen. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde die Religionsschule in die Synagoge verlegt. Im September 1820 zeigte die Distriktschulinspektion Gemünden die aus insgesamt 90 Personen bestehende jüdische Gemeinde bei der Kreisregierung an, weil sie ihre 14 schulpflichtigen Kinder auf "eine im Gesetze verbotene Winkelschule" eines "unapprobirten" Lehrers schickten. Weil die Gemeinde ein eigenes Schulhaus nicht unterhalten konnte, gingen die jüdischen Kinder von nun an auf die örtliche Elementarschule. Bereits 1812 hatte eine staatliche Visitation die fehlende Beheizung der Ritualbäder beanstandet. Erst 1828 konnte die Gemeinde das Bad im Haus Am Seeblick 9 entsprechend umbauen. 1844/45 erwarb die Gemeinde einen kleinen Teil des Nachbargrundstücks, um das Bad mit einem zusätzlichen Raum zu erweitern und einen neuen Heizkessel einzubauen. Am 27. Juni 1893 verkaufte der Nachbesitzer Samuel Bergmann das Haus an eine christliche Frau, die Mikwe blieb jedoch weiterhin im Besitz der Kultusgemeinde. 1847 hatte die Ortsgemeinde 105 jüdische Einwohner, was den Scheitelpunktdarstellt: Von 1848 bis 1900 sank die Zahl auf 49. Viele Juden aus Völkersleier wanderten nach Nordamerika aus, andere zogen vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit der neuen freien Wohnorts- und Berufswahl in die Industriezentren. Im August 1857 wurde daher die Zusammenlegung der Kultusgemeinden von Völkersleier und Dittlofsroda diskutiert, was die Völkersleier Juden jedoch mehrheitlich ablehnten - auch mit einem gewissen Stolz auf ihr neues, aus eigener Kraft erbautes Schulhaus.
Im Ersten Weltkrieg kämpften acht jüdische Männer der Gemeinde. Hugo Ring und Siegfried Stern starben bei Kampfhandlungen. Bereits vor 1914 hatte Lehrermangel für Vakanzen und sporadischen Unterricht in Dittlofsroda und Völkersleier gesorgt. Dieser Missstand setzte sich in den wirtschaftlich schwierigen Jahren der Weimarer Republik weiter fort. Weil sich auch das Schulhaus in einem schlechten Zustand befand und die wenigen jüdischen Schulkinder größere Belastungen der Gemeindekasse nicht mehr rechtfertigten, wurde der Religionsunterricht in die evangelische Elementarschule verlegt. Erst an zwei, dann nur noch an einem Tag kamen externe Lehrer für den Unterricht nach Völkersleier. 1928 wurde die Mikwe nach zwischenzeitlicher Sperrung durch das Gesundheitsamt erneuert. Zu dieser Zeit bewegten sich die beruflichen Tätigkeiten der jüdischen Haushalte im eingeschränkten Rahmen einer agrarischen, wirtschaftlich und strukturell abgehängten Landgemeinde. Die meisten von ihnen lebten wie ihre christlichen Nachbarn am Existenzminimum: Samuel Bergmann, Kultusvorsand Viktor Bergmann und dessen Sohn Moritz, Meier Berliner und sein Schwiegersohn Isidor Adler, Gerson Stern und Max Stern arbeiteten als Viehhändler. Max Bergmann betrieb nebenbei noch eine koschere Metzgerei. Karl Frank war der Inhaber einer Eisen- und Landmaschinenhandlung, Hermann Ring und Salomon Stern führten Gemischtwarenhandlungen.
1933 wohnten noch 33 jüdische Bürger in Völkersleier. Aufgrund der zunehmenden Repressalien durch die Nationalsozialisten verließen bis 1937 weitere elf den Ort. In der Synagoge von Völkersleier fanden bis zum Pessach-Fest 1936 noch regelmäßig Gottesdienste statt. Danach konnte auf Grund schwindender Zahl der Gemeindemitglieder aus eigener Kraft kein Minjan mehr erreicht werden. Deshalb kamen nun auch Juden aus Dittlofsroda zum Gottesdienst nach Völkersleier.
Im Zuge der Novemberpogrome fielen am Abend des 10. November 1938 um ca. 19 Uhr SA-Männer des Sturms Hammelburg in Völkersleier ein. Die Schläger drangen gewaltsam in die Häuser und Wohnungen der jüdischen Familien ein und zerschlugen in Sekundenschnelle mit Äxten und Beilen Fenster, Türen und das Mobiliar. Betten wurden mit Dolchen aufgeschlitzt und aus dem Fenster geworfen. Kleidung, Geschirr und andere Gegenstände landeten auf der Straße. Anschließend drangen sie in die Synagoge ein und legten im Innenraum ein Feuer, das nach einiger Zeit wieder gelöscht wurde, zerstörten die Kultgegenstände und das Mobiliar der Synagoge. Anschließend trieben anschließend die jüdischen Familien des Ortes auf einen Lastwagen, auf dem bereits Juden aus Dittlofsroda aufgeladen waren. Man verschleppte sie in das Amtsgerichtsgefängnis Hammelburg, wo die Männer einige Tage in Haft blieben. Nach dem Novemberpogrom verließen weitere 17 jüdische Völkersleier ihre Heimat und wanderten in die USA, nach Palästina, Holland oder in größere deutsche Städte aus. Anfang 1940 gab es noch 12 jüdische Einwohner, von denen sechs nach Würzburg verzogen. Von den letzten sechs Juden am Ort wurden vier im April 1942 ins Ghetto Izbica (Polen) deportiert und dort ermordet; die beiden letzten jüdischen Einwohner kamen im September 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt. Insgesamt starben 19 jüdische Frauen und Männer aus Völkersleier in der Shoah.
Heute erinnert eine Gedenktafel am Gemeindehaus in Völkersleier (Rhönstraße 18) an die einstige jüdische Gemeinde und ihre Synagoge, die erst in den 1970er Jahren abgerissen wurde. Die Kommune Wartmannsroth beteiligt sich auch am zentralen unterfränkischen Projekt Denkort Deportationen mit jeweils drei Koffer-Skulpturen, die an die vertriebenen, deportierten und ermordeten jüdischen Bewohner von Dittlofsroda, Völkersleier und Wartmannsroth erinnern sollen.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Völkersleier. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 338-360.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 218.
