Jüdisches Leben
in Bayern

Viereth Gemeinde

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts lebten immer wieder jüdische Familien in Viereth. Der Ort unterstand zum Teil dem Benediktinerkloster Michelsberg in Bamberg und zum Teil weltlichen Grundherren. AUs dem Jahr 1586 datiert der erste schriftliche Nachweis, als sich das Kloster bei der Adelsfamilie Zollner am Brand beschwerte: Sie habe auf dem Michelsberger Lehen in Viereth jüdische Familien angesiedelt, was gegen die Ausschaffungs-Politik der Bamberger Fürstbischöfe verstieß. Um 1672 wurde jedoch der amtierende Abt von Michelsberger selbst durch das Bamberger Hochstift verwarnt, weil dieser in Viereth jüdische Familien angesiedelt und ihnen Zollfreiheit gewährt habe.

Aber Ende des 17. und zum Anfang des 18. Jahrhunderts hatte sich eine kleine Gemeinde in Viereth konsolidiert. Mit Wolf Nathan ist 1702 das erste Mitglied namentlich bekannt. 1760 lebten in Viereth vier jüdische Familien, die eine Synagoge bzw. einen Betraum unterhielten. Die Gemeinde blieb auch während des gesamten 19. Jahrhunderts relativ klein, 1809 lebten 6 jüdischen Familien in Viereth. Die in der Folge zugewiesene neun Matrikelstellen bedeuteten 52 Männer, Frauen und Kinder, davon achtzehn religionsmündige Männer. Zuständig war das Distriktsrabbinat Burgebrach, die Gemeinde musste sich anteilig am Gehalt des Distriktsrabbiners beteiligen und pachtete ein Nutzungsrecht am jüdischen Friedhof in Walsdorf. Aufgrund der im Vergleich zu den umliegenden Gemeinden wie Trunstadt geringeren Schülerzahl wurde 1835 ein Schulverband eingerichtet, der Schulsitz wechselte vierteljährlich zwischen Viereth und Trunstadt. Die meisten jüdischen Erwachsenen übten den Beruf des Viehhändlers aus, zwei waren Bauern. Die meisten Familien hatten Grundbesitz und ein durchschnittliches Barvermögen von 1000 Gulden. 1852 machte die jüdische Gemeinde mit 57 Personen knapp zehn Prozent der Einwohnerschaft des Ortes aus.

In den folgenden Jahrzehnten kam es durch Wegzug und Auswanderung zu einer drastischen Verringerung der Gemeindezahlen. Dies führte dazu, dass in den 1880er-Jahren die notwendige Zahl religionsmündiger Männer für einen Gottesdienst nicht mehr erreicht wurde. Deshalb erfolgte 1891 die Zusammenlegung der Gemeinden Viereth, Trunstadt und Bischberg. Jede Gemeinde blieb vermögensrechtlich selbständig, der Gottesdienst sollte im wöchentlichen Turnus gefeiert werden. Der Sitz der Gesamtgemeinde sollte in Trunstadt sein. Aufgrund des starken Abwanderungsdrucks in größere Städte hatte auch diese Lösung nur wenige Jahre Bestand. Seit 1903 gab es Pläne einer Zusammenlegung mit Bamberg, die aber von einem in Viereth leben Juden gerichtlich angefochten wurden. Erst 1907 ordnete die Regierung eine zwangsweise Vereinigung mit der IKG Bamberg an.


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 238.
  • Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942), ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 324-332.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 127.

Weiterführende Links