Die ersten Spuren einer jüdischen Gemeinde in Untermerzbach weisen in das 17. Jahrhundert. Eine der 1660 aus Ebern vertriebenen jüdischen Familie soll sich in Untermerzbach niedergelassen haben. Auch Kontakte zur Leipziger Messe werden angenommen. Im 18. Jahrhundert war Untermerzbach auch Rabbinatssitz. Der Rabbiner Chaim ben Mosche war 1718 für die Bezirke (medina) Grabfeld und Würzburg zuständig. Grundherren waren das Hochstift Bamberg, die Freiherren von Greiffenclau und die Grafen von Rotenhan. Die Straßenbezeichnung "Judenhof" weist auf den Wohnbereich der jüdischen Familien.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen die lexikalischen Einträge eine stabile jüdische Gemeinde. Das Geographische Statistisch-Topographische Lexikon von Franken vermerkte 1801: "Die Juden haben hier auch eine Schule". Die Historisch-topographische Beschreibung des Kaiserlichen Hochstifts und Fürstenthums Bamberg notierte für 1801 für den Ort, es gäbe "elf Tropfhäuser, worunter sechs Judenhäuser sind, welche auch eine Synagoge haben". Ganz allgemein schrieb die Neue systematische und allgemeine Erdbeschreibung 1819, dass der Ort 553 Einwohner habe, "worunter mehrere Juden sind". Namentlich fassbarer werden die jüdischen Familienoberhäupter in einer Unterschriftenliste, die um 1817 anlässlich der Ablegung des Untertaneneides erstellt wurde. Die eigentlichen Matrikelunterlagen sind nicht mehr erhalten. Es haben hier 27 Personen den Eid geleistet, darunter zwei Frauen. Die Angaben in den verschiedenen Landesbeschreibungen, so die Geographische Beschreibung des Unter-Mainkreises von 1825 (595 Einwohner, darunter 122 Juden), das Topo-geographisch-statistisches Lexicon vom Königreiche Bayern von 1832 (122 Juden, sie haben eine Schule) und Das Königreich Baiern in seiner neuesten Gestalt von 1834 (400 Einwohner, 120 Juden) sind in ihren Aussagen zur Größe der jüdischen Gemeinde ziemlich übereinstimmend.
Die Folge der Zugehörigkeit zum bayerischen Staat seit 1816 bedeutete auch die Verpflichtung der jüdischen Untertanen zum Militärdienst. Die Folge war aber auch, dass die potentiellen Soldaten aus dem Land flohen. Dies ist auch einer Anzeige im Intelligenz-Blatt für den Unter-Mainkreis von 1821 zu entnehmen. Abraham Schlachter aus Untermerzbach, geboren 1799, wurde durch Los dem königlichen 2. Linien-Infanterie-Regiment zugewiesen, hatte aber seinen Dienst nicht angetreten. Er wurde aufgefordert, sich innerhalb von vier Wochen zu melden, anderenfalls gelte er als fahnenflüchtig. Abraham Schlachter war eventuell verwandt mit dem Matrikelstelleninhaber Salomon David Schlachter.
Ein Zeichen für die auskömmlich wirtschaftliche Situation der jüdischen Gemeinde in Untermerzbach ist die Einweihung des neuen Synagogengebäudes 1835. Es ist anzunehmen, dass hier auch Räume für den Schulunterricht und die Wohnung für den Lehrer vorgesehen waren. Der Größe der Gemeinde entsprechend hatte sie einen Lehrer, der auch als Vorsänger bzw. Vorbeter und Schächter fungierte.1862 war die "israelitische Schullehrerstelle" in Untermerzbach besetzen. Das Gehalt betrage 260 Gulden, wie einer Anzeige im Würzburger Stadt- und Land-Boten zu entnehmen ist. Der Grund war wahrscheinlich, dass der bisherige Lehrer Abraham Lindner als Lehrer und Vorsänger in Würzburg arbeiten wollte. Laut dem Würzburger Stadt- und Land-Bote erteilten die Würzburger Behörden dem Untermerzbacher 1862 die Übersiedelungserlaubnis. Spätestens 1884 wurde der Religionsunterricht nicht mehr durch einen von der jüdischen Gemeinde Untermerzbach bezahlten Lehrer erteilt, sondern von einem Memmelsdorfer Lehrer.
Als 1841 die Anlage eines eigenen Friedhofs erfolgte, war dies auch ein Zeichen der konstanten Gemeindegröße. 1840 berichtete Das Königreich Bayern von 531 Einwohner in Untermerzbach, davon 122 jüdische Einwohner, ebenso die Ausgabe Das Königreich Bayern von 1845. 1848 und 1853 zählte die Neueste Erdbeschreibung und Staatenkunde 600 Einwohner, eine "Judenschule" und 150 jüdische Einwohner. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheint die Größe der jüdischen Gemeinde etwa ein Viertel der Ortsbevölkerung umfasst zu haben. Das Regierungs- und Intelligenzblatt für das Herzogtum Coburg berichtete 1839 von einem Konkurs des Baumwoll-Webers Aron Lebermann. Er war möglicherweise mit dem Inhaber der Matrikelstelle Joseph Lebermann verwandt. Nachfahren von Samuel Weil, der ebenfalls eine Matrikelstelle besaß. waren die "israelitischen Seifensieders-Eheleute Jakob und Theresia Weil". Laut der Neuen Münchener Zeitung von 1854 wurde das Ehepaar wegen Hehlerei im Zusammenhang mit einem Mordfall zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Möglicherweise nach Verbüßung der Strafe wollten sie nach Amerika auswandern. Im Februar 857 publizierte der Nürnberger Friedens- und Kriegs-Kurier den dazu erforderlichen amtlicher Aufruf: "Der Seifensiedermeister Jacob Weil von Untermerzbach will mit seiner Ehefrau Therese und seinen 6 Kindern, dann mit ihm auch seine ledige Schwester Fanny Weil von dort, ebenso der ledige Schneiderssohn Johann Georg Albrecht von Jesserndorf nach Nordamerika auswandern".
Laut dem Eintrag im Handelsregister gab es 1862 in Untermerzbach zwei größere Firmen. Zum einen das Unternehmen von Kaufmann Löb Brüll in Untermerzbach, der Inhaber der Firma Loeb Brüll war (Bayerische Zeitung). Die zweite Firma betrieb der Großhändler Meyer Lebermann, der in einen überregional bekannten Konkursfall verwickelt war. 1867 wurden Meyer Lebermann, Fabrikant und Großhändler (Seifen- und Lichterfabrikation) zu Untermerzbach, und sein Sohn Ludwig wegen des Verdachts des betrügerischen Bankrotts zur Fahndung ausgeschrieben (Eberhardt's Allgemeiner Polizei-Anzeiger und im Bayerischen Zentral-Poizei-Blatt). 1867 waren die beiden immer noch flüchtig und das Konkursverfahren wurde ohne sie eingeleitet. Lebermann hatte die 1862 gegründete Firma stark überschuldet wunde bereits 1866 seinen Gläubigern bei einem Schuldenstand von etwa 130000 Gulden einen Abschlag eines Viertels der Summe angeboten. Aber auch dieses Geld war nicht verfügbar, wie 1867 der Beobachter am Main und Aschaffenburger Anzeiger anmerkte. Im Oktober 1867 erfolgte dann die Versteigerung des neugebauten Fabrikgebäudes mit einer Hochdruckdampfmaschine von vier Pferdestärken sowie einer Seifensiederwerkstätte und weiterem Grundbesitz. Lebermann hatte in Untermerzbach kostspielige Investitionen getätigt und war auf fast 90000 Gulden nicht einbringbarer Schulden sitzen geblieben.
Durch Wegzug und Auswanderung wurde in den 1870er Jahre die jüdische Gemeinde immer kleiner. 1889 zählte sie im Statistischen Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes noch 38 Mitglieder. Der Vorsteher war H. Goldstein und der Religionsunterricht wurde bereits von Lehrer Katz in Memmelsdorf erteilt. Die Gemeinde Gleusdorf zählte bereits als Filialgemeinde von Untermerzbach. 1901 firmierte Untermerzbach noch als eigenständige Kultusgemeinde. 1911 war die Gemeinde dann mit sechs Mitgliedern eine Filialgemeinde von Memmelsdorf. Noch 1924/1925 zählte das Handbuch der Jüdischen Gemeindeverwaltung Untermerzbach mit sechs jüdischen Einwohnern als Filialgemeinde von Memmelsdorf. Von einer Auflösung der Gemeinde wird man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sprechen können. Sie dürfte in den folgenden Jahren erfolgt sein. Dafür spricht auch der 1930 abgewickelte Verkauf der Synagoge. Bereits 1923 kam es auch in Untermerzbach zu antisemitischen Ausschreitungen. Den beiden verbliebenen jüdischen Familien wurde dabei der Besitz geraubt.
Von den in Untermerzbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen: Jeanette Frank geb. Blumenthal (1875), Fanny Kahn geb. Grünfelder (1861), Herrmann Mayer (geb. ?), Karoline Mayer (geb. ?), Rosa Mayer (), Amalie Rör geb. Daniel (1884), Henny Rör (1920), Jonas Rör (1877).
Bevölkerung 1910
Literatur
- Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikel von 1817. Würzburg 2008 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Bd. 13), S. 137.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 213.
