Jüdisches Leben
in Bayern

Untererthal Gemeinde

Das Dorf Untererthal war seit 1275 der Stammsitz des fränkischen Adelsgeschlechts Erthal. Erstmals im Jahr 1524 erlaubten sie Schutzjuden eine Wohnstätte innerhalb ihrer Burg. Sechs Jahre später erfährt man die Namen Schmull und Joseph. Auch in Kissingen und anderen Besitztümern nahm die Familie Schutzjuden auf. 1604 lebten bereits fünf jüdische Hausväter in der Erthal'schen Burg (Isaac, Jakob, Löw, Manuel und Wolf mit ihren Anverwandten). Das Untererthaler Gerichtsbuch des 17. Jahrhunderts überliefert den Wortlaut eines "Judeneids", der im zweiten Teil zwar die allgemein übliche ausführliche Formel der Selbstverdammnis im Falle des Eidbruchs enthält, aber keine entehrenden oder entwürdigenden Zusätze.

Von einem Ausweisungsedikt aus dem Gebiet des Hochstifts Fulda im Jahr 1671 waren die Untererthaler Juden nicht betroffen, weil sie auf dem Gebiet einer reichsunmittelbaren Grundherrschaft lebten. In jenem Jahr gab es ohnehin nur drei jüdische Haushalte im Dorf, was vielleicht auch der allzu nahen Heeresstraße geschuldet war. Zwar verdankt ihr Untererthal das noch heute bestehende, denkmalgeschützte Gasthaus „Zum Goldenen Kreuz“, andererseits zogen in Kriegszeiten plündernde Heere vorbei und verwüsteten das Land. Wohl aufgrund der Schäden durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) - unter anderem wurde die Stammburg 1640 aufgegeben und kurz darauf durch Marodeure verwüstet - förderten die Freiherrn von Erthal das weitere Wachstum der jüdischen Gemeinde. 

Bis 1768 lebten elf jüdische Familien im Dorf. Der örtliche Pfarrer beschwerte sich in diesem Jahr beim Bischof in Fulda, weil die Juden auch an Sonntagen schlachteten und den Feiertag "entehrten", überwiegend aber darüber, dass sie ihm das Stolgeld von 30 Kreuzern pro Familie verweigerten. In dieser Zeit ließen die von Erthal in Hauseinheiten südöstlich des alten Hofhauses elf Wohnungen für ihre elf Schutzjuden einrichten (heute Von-Erthal-Straße 23/25). Eines der insgesamt 8 Reihenhäuser beinhaltete die "Judenschule", in der neben dem Schulmeister aber auch zwei Schutzjuden wohnten. Jüdische "Schulmeister" werden 1763 und 1772 erwähnt. Die alte Stammburg der Erthaler, ab 1640 verwaist und durch den Dreißigjährigen Krieg in Mitleidenschaft gezogen, wurde 1768 zum "Hofhaus" (Stadtschloss) umgebaut und dann 1796 von französischen Truppen erneut zerstört. Daher errichteten die Erthaler ab 1799 anstelle der ebenfalls ruinösen Schutzhäuser ein neues Hofhaus. Den alten Burgplatz überließen sie gegen einen jährlichen Grundzins von fünf Gulden der jüdischen Bevölkerung. Dort entstand ein Eruv, ein baulich geschlossenes Ensemble: Der sogenannte Judenhof (heute Judengasse 6-15). Neben einer ab 1800 neu errichteten Synagoge unterhielt die Gemeinde eine Religionsschule und ein rituelles Bad in der Nähe der alten Burgmühle, an einem Nebenarm des Mühlgrabens. Ihre Toten bestattete sie im jüdischen Distriktsfriedhof Pfaffenhausen/Hammelburg.

Nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1802, den Napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress war die ganze Region 1814 endgültig zum Königreich Bayern gekommen. Für die Juden in Untererthal galten somit die Paragraphen des Bayerischen Judenedikts von 1813, das auch die Vergabe von Matrikeln zur Kontrolle (sprich: Eindämmung) des jüdischen Bevölkerungsanteils vorsah. 1817 werden die folgenden jüdischen Familienväter mit neu vergebenen Nachnamen genannt: Maier Schild, Aron Schwab, Löb Rödelberger, Joseph Strauß, Samuel Stern, Nathan Schild, Selig Hirsch Baumann, Joseph Schild, Samuel Strauß, Simon Hecht, Mendel Hofmann und Vorsänger Moses Weisenberger (der erste namentlich genannte Vorsänger der Gemeinde). Hingegen bekamen Feibel Schiff und Salomon Weisenberger keine Matrikel zugestanden und mussten das Dorf verlassen. Wegen der Mikwe in Untererthal scheint es bei den diversen staatlichen Kontrollen nie größere Beanstandungen gegeben zu haben; jedenfalls blieb das Bad bis zu seinem Abbruch im Jahr 1936 in Gebrauch. Zur Besorgung religiöser Aufgaben konnte die Gemeinde im 19. Jahrhundert zumindest temporär einen Religionslehrer anstellen, der zugleich als Vorbeter und Schächter fungierte. Ab 1830 unterrichteten Religionslehrer aus Hammelburg die Kinder. In den Wintermonaten kamen die Lehrer extra an zwei Wochentagen nach Untererthal, im Sommer gingen die Kinder in die vier Kilometer entfernte Religionsschule von Hammelburg. Im Jahr 1837 zählte die Gemeinde 68 Personen und hatte damit ihren Scheitelpunkt erreicht. Vor allem in der zweiten Jahrhunderthälfte suchten jüngere Jüdinnen und Juden in der Fremde eine bessere Zukunft. Auch Christen wanderten in dieser Zeit ab, viele emigrierten in die verheißungsvollen USA. Die viel zitierte Armut der schrumpfenden und alternden jüdischen Gemeinde Untererthal spiegelt sich in ihren Berufen: Hausieren, Kleinhandel mit Schnittwaren oder Spezereien, Schmusen und Aushilfsarbeiten. Im Ersten Weltkrieg kämpften acht jüdische Männer aus Untererthal, ein verhältnismäßig hoher Anteil (1910 stellten die Juden nur 5,4 % der Bevölkerung). Jakob Baumann (1878-1914) und Aron Baumann (1877-1914) fielen in Frankreich. Ihre Namen stehen auf dem Kriegerdenkmal an der Ecke Brückenauer Straße/von Erthal-Straße/ Bündeweg. Während der 1920er Jahre schrumpfte die Gemeinde stetig weiter, nur noch vier schulpflichtige Kinder lebten im Ort.

1933, im Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, lebten nur noch 20 jüdische Einwohner im Ort. Bedrängt durch die zunehmende, staatlich gelenkte Repression und Entrechtung wanderten zwei von ihnen nach Palästina aus, zwei in die USA und einer nach England. Durch die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verarmten die verbliebenen jüdischen Familien: Im Mai 1937 waren elf der 14 jüdischen Einwohner unterstützungsbedürftig. Beim Novemberpogrom 1938 kam es am Nachmittag des 10. November 1938 um circa 14:30 Uhr zu schweren gewalttätigen Ausschreitungen durch Männer auswärtiger SA-Sturmverbände (Hammelburg/Brückenau). Die Synagoge wurde geschändet und innen angezündet, jüdische Häuser und Geschäfte geplündert. Am 28. und 30. November 1939 durchsuchte die Polizei auf Anordnung des Landrats von Hammelburg die jüdischen Wohnungen in Untererthal nach gehamsterten Lebensmitteln. Die Untersuchung verlief jedoch ergebnislos. Trotz dieser Vorkommnisse wohnten Anfang 1942 noch zwölf jüdische Männer und Frauen, Angehörige der Familien Stühler, David und Levy, am Ort. Acht von ihnen wurden am 22. April 1942 über Würzburg nach Izbica bei Lublin deportiert, wo sie ermordet wurden. Die letzten beiden jüdischen Einwohner, Adolf und Amalia Stühler, kamen im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt und von dort 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz. Laut dem Gedenkbuch des Bundesarchivs Berlin wurden insgesamt 25 jüdische Untererthaler Jüdinnen und Juden Opfer der Shoah. 

Seit 2014 erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen „Judenhof“ an die Israelitische Gemeinde und die Opfer der NS-Diktatur. Sie ist auf einem kleinen Platz am Eingang der Judengasse für dem Haus Nr. 9 aufgestellt.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Untererthal. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 302-322.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 218.