Die Anwesenheit von Juden in Untereisenheim, das zum Hochstift Würzburg gehörte, ist erstmals im 17. Jahrhundert nachweisbar. 1655 erwähnt ein Schuldverzeichnis des Amts Prosselsheim Raphael und Schmuel aus Untereisenheim als Gläubiger christlicher Bürger. 20 Jahre später wird in einem Schuldverzeichnis 1675 ein würzburgischer Schutzjude namens Samuel genannt, der möglicherweise mit Schmuel identisch ist und von Klein- und Viehhandel lebte. 1685 wohnten in Untereisenheim zwei Schutzjuden, deren Abgaben sich beträchtlich unterschieden: Während Salomon jährlich zweieinhalb Gulden Schutzgeld zu entrichten hatte, musste Jakob jährlich 15 Gulden zahlen. Sechs Jahre später beschwerten sich die Dettelbacher, Volkacher und Untereisenheimer Rotgerber über Salomon, der angeblich mit seinem Häute- und Fellhandel das von ihnen ausgeübte Gerberhandwerk beeinträchtigte.
1699 lebten drei Würzburger Schutzjuden in Untereisenheim: Salomo wohnte mit seiner Frau, drei Söhnen, zwei Töchtern und einer Dienstmagd im von seinem Vater ererbten Haus und hatte jährlich 16 Gulden Schutzgeld, eine Haussteuer und Quartiergeld an das Hochstift Würzburg zu zahlen. Samuel, Salomons Schwiegersohn, lebte mit seiner Frau zu dieser Zeit ein Vierteljahr im Haus seines Schwiegervaters und musste ein jährliches Schutzgeld von zehn Gulden an die Dorfherrschaft entrichten. 15 Gulden Schutzgeld jährlich zahlte wie schon 1685 Jakob, der mit seiner Frau und einer Dienstmagd im Haus von Wilhelm Kreutlein zur Miete lebte.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der in Untereisenheim lebenden Schutzjuden unwesentlich. 1763 existierten im Dorf schließlich vier Schutzplätze. An dieser Zahl änderte sich bis zum Ende des Hochstifts Würzburg nichts.
Zu den außerhalb der Region erfolgreichen Untereisenheimer Juden gehörte der 1771 geborene und 1845 gestorbene Hirsch. Nach seiner Konversion zum Christentum nahm er den Künstlernamen Karl Friedrich Cerf – der Nachname ist die französische Übersetzung für Hirsch – an und betätigte sich unter anderem als Pferdehändler, möglicherweise auch als preußischer Spion in den Napoleonischen Kriegen.
Dann wechselte er sein Tätigkeitsfeld: 1822 hatte Cerf von König Friedrich Wilhelm III. die Konzession für die Errichtung des Königstädtischen Theaters erhalten und die Rechte an die Königstädtische Aktiengesellschaft verkauft. Nachdem sich 1829 das Direktorium der Aktiengesellschaft aufgelöst hatte, übernahm Cerf alle Aktienanteile und auch die Direktion des Königstädtischen Theaters, das vor allem Berliner Possen aufführte. 1840 stellte Friedrich Wilhelms III. gleichnamiger Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. die Subventionen für das Theater ein. 1851 musste das Theater schließen und wurde 1927 abgerissen, um Platz für die Umgestaltung des Alexanderplatzes zu schaffen.
Nach der Säkularisation und in der Zeit des kurzlebigen Großherzogtums Würzburg gründeten die Söhne der Untereisenheimer Juden eigene Haushalte. Schließlich lebten sieben jüdische Familien im Ort, die 1817 einen Matrikelplatz und die Nachnamen Schloß, Hellermann und Fran(c)kenthaler annahmen. Anfänglich betrieben sie vor allem Wein- und Schnittwarenhandel, konzentrierten sich in den folgenden Jahrzehnten allerdings auf den Viehhandel. Karriere in Dresden machte ein 1816 in Untereisenheim geborener und 1875 gestorbene Jude: Max Schloss wirkte als Tenor und Hofopernsänger und war schließlich als Regisseur am Dresdner Hoftheater tätig. Zu seinen Korrespondenzpartnern gehörte auch der bekannte Komponist Louis Spohr.
Sechs Jahre nach Max Schloss wurde Levi Schloss am 29. Juli 1822 als Sohn von Lazarus und Hanna Schloss in Untereisenheim geboren. Da er in dem unterfränkischen Dorf keine Entwicklungsmöglichkeiten, emigrierte er 1845 in die Vereinigten Staaten und nahm den Namen "Louis Sloss" an. Als in Kalifornien 1948 der Goldrausch ausbrach, nutzte Sloss die Gelegenheit und spezialisierte sich mit zwei Geschäftsfreunden in Sacramento auf die Versorgung der Goldgräber, für die er Pferde, Vieh, Zelte, Werkzeug und Lebensmittel beschaffte. Neuland beschritt Sloss auch mit der von ihm in San Francisco gegründeten „Alaska Commercial Company“, die noch heute als Supermarktkette existiert: Im der 1868 von den USA erworbenen, ehemaligen russischen Kolonie Alaska erbaute die Gesellschaft Schulen und Wohnhäuser und übernahm auch die Versorgung der zwischen Nordamerika und Asien gelegenen Inselkette Aleuten mit Lebensmitteln und den lebensnotwendigen Waren. 1875 starb Sloss in San Francisco. 1835 hatte die jüdische Gemeinde in Untereisenheim mit sieben Familien, zu denen 55 Personen gehörten, ihren zahlenmäßigen Höchststand erreicht. Die finanziellen Ressourcen der Untereisenheimer Juden waren beschränkt, da die Mehrzahl zu dieser Zeit vom Not- und Hausierhandel – darunter fiel auch der Viehhandel – lebte. Die Gemeinde Untereisenheim gehörte zum Distriktsrabbinat Kitzingen und bestattete die Verstorbenen auf dem Verbandsfriedhof in Schwanfeld.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zahl der in Untereisenheim ansässigen Juden 1848 bereits auf 43 Juden gesunken, die zu neun Familien gehörten. Die Mehrzahl lebte vom Vieh- und Schacherhandel, während zwei Familienväter einem Handwerk nachgingen und ein Jude einen landwirtschaftlichen Betrieb besaß. Obwohl die Gemeinde geschrumpft war, erwarb die jüdische Gemeinde zu einem unbekannten Zeitpunkt von einem christlichen Vorbesitzer ein Grundstück in einer Nebenstraße, die parallel zur südlichen Dorfmauer verlief. Dort sollte ein Multifunktionsgebäude mit Schule, Lehrerwohnung, Synagoge und Mikwe entsehen. Nachdem das Bauvorhaben am 12. September 1859 behördlich genehmigt worden war, wurde das von den Gemeindemitgliedern finanzierte Gebäude errichtet. 1860 war die Baumaßnahme abgeschlossen. Da keine Pläne überliefert sind und das einzige historische Foto aus der Zeit vor 1938 / 1939 nur die Vorderansicht des im Rundbogenstil errichtetn Gebäudes zeigt, lässt sich nur vermuten, dass Schulsaal und Lehrerwohnung auf zwei Geschossen im vorderen, südlichen Teil des Gebäudes untergebracht waren.
Trotz der beschränkten Ressourcen der Gemeinde unterhielt die Gemeinde einen eigenen Religionslehrer, der zugleich auch als Vorsänger und Schächer fungierte. Seit der Errichtung der Synagoge im Jahr 1860 verfügte die jüdische Religionsschule über eigene Räumlichkeiten. Dies hatte zur Folge, dass die Würzburger Kreisregierung 1861 bei der Einteilung der jüdischen Gemeinden in Schulsprengel auch die Beibehaltung der jüdischen Religionsschule in Untereisenheim genehmigte, obwohl zur Gemeinde nur wenige Juden gehörten. Das von der Kultusgemeinde übernommene Gehalt des Religionslehrers sollte 200 Gulden betragen, zu dem noch 25 Gulden für das Schulholz hinzukamen. Abgelehnt hatte die Kreisregierung allerdings den Vorschlag der Schwanfelder Lehrers Abraham Stein, der auch die vakante Religionslehrerstelle in Untereisenheim vertrat, zu seiner Entlastung einen Aushilfslehrer in Untereisenheim anzustellen. Die Nachfolge von Isaak Löb Weglein, der in Untereisenheim bis 1872 rund vier Jahre Religionsunterricht erteilt hatte, trat wohl der aus Rottenbauer stammende Abraham Stolzinger an. Für 1899 ist Jakob Mannheimer als Religionslehrer in Untereisenheim nachgewiesen.
Spätestens im Dezember 1909 wurde die jüdische Gemeinde Untereisenheim mit der Kultusgemeinde Schwanfeld vereinigt. Dies lässt sich indirekt aus der auf den 23. Dezember 1909 datierten Ausschreibung der vakanten jüdischen Religionslehrerstelle in Schwanfeld erschließen, in der Untereisenheim als Filiale Schwanfelds bezeichnet wird. In der Folgezeit übernahm der Theilheimer Religionslehrer die Vertretung der vakanten Stelle in Schwanfeld, die auch für den Unterricht der jüdischen Untereisenheimer zuständig war. 1932 gehörten laut Alemannia Judaica noch zehn Juden in Untereisenheim, die bis in die 1930er Jahre Joseph Frankenthaler als Gemeindevorsteher repräsentierte.
In der NS-Diktatur emigrierten laut Alemannia Judaica fünf der sechs noch verbliebenen jüdischen Untereisenheimer in die USA und die Niederlande. Die letzten beiden Untereisenheimer Juden verließen den Ort 1940. Der Shoa fielen neun in Untereisenheim geborene, ältere Juden zum Opfer: Hanna Blümlein, Bernhard Frankenthaler, Klara Frankenthal, Hermann Hellermann, Sofie Klau, Babette Oppenheimer, Emil Schloss, Selma Stern und Sali Wolfromm.
In den 1980er Jahren wurde an der mittelalterlichen Dorfmauer eine Gedenktafel für die jüdische Gemeinde Untereisenheim angebracht. Seit 2020 erinnert ein von dem Steinmetz Marcel Huber im Auftrag der Gemeinde Untereisenheim aus Muschelkalk gefertigter Koffer am DenkOrt Deportationen vor dem Würzburger Hauptbahnhof an die jüdischen Untereisenheimer. Geplant ist auch die Aufstellung des zweiten Koffers in Untereisenheim. Während das ehemalige "Multifunktionsgebäude" der Gemeinde abgerissen wurde, steht das daneben errichtete, ehemals Joseph Frankenthaler gehörende Haus noch heute.
(Stefan W. Römmelt)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Schwanfeld mit Untereisenheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1518-1553.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 217.
