Jüdisches Leben
in Bayern

Ullstadt Gemeinde

Es ist wahrscheinlich, dass bereits im frühen 17. Jahrhundert, als Ullstadt zum Herrschaftsbereich von Seckendorff-Gutend gehörte, eine kleine jüdische Gemeinde im Ort bestand: Zumindest stammt der bedeutende Friedhof aus jener Zeit, dessen ältester Grabstein aus dem Jahr 1627 datiert. Auf dem großen Verbundfriedhof in Ullstadt wurden im Lauf der Zeit Juden aus Aub, Burghaslach, Diespeck, Dottenheim, Kaubenheim, Neustadt a.d.Aisch, Pahres, Scheinfeld, Schnodsenbach, Schornweisach und Sugenheim bestattet. Ullstadt mitsamt dem Judenschutz ging 1662 in den Besitz der Freiherren von und zu Frankenstein über. Auch für das 18. Jahrhundert finden sich aber nur wenige überlieferte Spuren des jüdischen Lebens. Aus einem Streit zwischen den Juden von Sugenheim und Ullstadt 1728 geht hervor, dass es zumindest in jenem Jahr einen Ullstädter Rabbiner gab. 1797 befreite das Frankensteiner Patrimonialgericht einen "Schulmeister Itzig" von den Schutzgeldzahlungen, weil dessen Unterhalt von der jüdischen Gemeinde bestritten wurde. 

Eine Liste der jüdischen Ullstädter von 1802 zeigt, dass die zehn Hausväter allesamt vom Handel lebten: Drei Schnittwarenhändler, sechs Viehhändler und ein Pferdehändler, der nebenbei wie zwei der Viehhändler auch als Handelsagent tätig war. Anfang der 1820er Jahre errichtete die Gemeinde aus sechs Familien eine eigene Synagoge als Anbau an das bereits bestehende jüdische Schulhaus (heute Buchstraße 10). Damit verstieß sie gegen das bayerische Judenedikt von 1813, das nur in Gemeinden mit mehr als 50 Mitgliedern den Neubau einer Synagoge gestattete. Von der Einweihung am 9. Augst 1822 erfuhr die Regierung buchstäblich erst aus der Zeitung und leitete eine Untersuchung gegen das zuständige Patrimonialgericht ein. Vonseiten des Frankensteiner Amtmanns wurde beruhigt: Da bereits vor dem Edikt einen Betsaal im Privathaus des Hirsch Sternschein vorhanden war, handele es sich lediglich um eine Verlegung, außerdem sei das Gotteshaus sehr klein und hauptsächlich aus Stabilitätsgründen an die baufällige Schule rückwärtig angefügt worden: Das ganze sei „von sehr geringem Belange“. Damit gaben sich die Behörden letztendlich zufrieden.

Weil die jüdische Gemeinde Ullstadt während des 19. und 20. Jahrhunderts nie mehr als 50 Personen umfasste, hatte einen sehr kleinen Etat und musste alle Ausgaben möglichst geringhalten. Daher konnte sie entsprechend den neuen staatlichen Hygienevorschriften von 1829 auch keine eigene Mikwe erbauen, sondern mietete ein Nutzungsrecht des Ritualbads in der Nachbargemeinde Sugenheim. Eine Liste mit jüdischen Hausbesitzern von 1831 zufolge befand sich im Haus des Löser Lüneburger (heute Lange Straße 8) eine Laubhütte. Für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder kam ab 1868 der Sugenheimer Elementarlehrer zweimal wöchentlich nach Ullstadt. Der Ort gehörte zu dieser Zeit zum Bezirksrabbinat Uehlfeld und schloss sich nach dem Tod des Rabbiners Hayum Selz dem Distriktsrabbinat Fürth an. 

Mit dem Recht auf freie Berufs- und Wohnortswahl für alle bayerischen Juden hatte sich ab 1861 die allgemeine Aus- und Abwanderungsbewegung in Franken zusätzlich verschärft. Ullstadt war da keine Ausnahme, 1910 lebten nur noch 13, 1925 lediglich sechs jüdische Männer und Frauen im Ort. Trotzdem ging das Leben weiter, die Gemeinde funktionierte und erfüllte ihre Aufgaben; noch 1890 wurde die Errichtung eines neuen Taharahauses auf dem Friedhof beschlossen. Ob aber in den 1920er und 1930er Jahren überhaupt noch Gottesdienste in Ullstadt gefeiert wurden, ist aber unsicher. Das Fortbestehen der Gemeinde stand bereits auf Messers Schneide, als am 19. April 1931 beschlossen wurde, Synagoge und Schulhaus noch zu behalten. Eine Klausel legte fest: „Sollte sich die Gemeinde Ullstadt um ein weiteres Mitglied verringern, dann geht es für weiteres in den Besitz von Sugenheim über“. 

Nach der Machtübernahme 1933 war das Ende unausweichlich: Bis spätestens 1935 hatte die letzte Handvoll jüdischer Ullstädter ihre Heimat verlassen, die Synagoge war verkauft. Am 30. Januar 1936 bestätigte der Fürther Distriktsrabbiner Dr. Siegfried Behrens die Auflösung der Kultusgemeinde. Der jüdische Friedhof in Ullstadt gehörte nun zum Zuständigkeitsbereich Sugenheim. 1941/42 wurden mehrere Grabsteine umgeworfen, 1943 die Friedhofsmauer abgerissen und die Steine zum Bau eines Weges verwendet. Nach dem Einzug der US-amerikanischen Armee brachte die Gemeinde Ullstadt die Begräbnisstätte mitsamt Mauer wieder in einen würdigeren Zustand.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Ullstadt. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 705-711.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 199.