Jüdisches Leben
in Bayern

Sulzbürg Gemeinde

Mehrere Hinweise in schriftlichen Quellen geben Anlass zu der Vermutung, dass bereits im 14. Jahrhundert Juden in Sulzbürg ansässig waren; ein erster eindeutiger Nachweis liegt jedoch erst mit dem Visitationsbericht des Kanonikus Johannes Vogt aus dem Jahr 1480 vor. Unter dem Schutz der Freiherren von Wolfstein genoss die Judenschaft hier eine bevorzugte Stellung. Neben der Handelsfreiheit gab es für sie auch keine Einschränkungen bei der Religionsausübung und Eheschließung; nur der Erwerb von Grundstücken war ihnen nicht gestattet.

Als ab 1556 alle Israeliten aus der Oberpfalz ausgewiesen wurden, durften die im Territorium der Wolfsteiner ansässigen Familien weiter ihren Geschäften nachgehen. Sie spielten in der Folgezeit eine große Rolle bei der Versorgung der umliegenden Orte mit Waren. Selbst in Neumarkt konnten sie, nachdem dort alle Juden vertrieben worden waren, gegen ein gewisses Entgelt ihre Handelsgeschäfte durchführen. Die Abgaben, die sie dafür zu leisten hatten, wurden immer wieder neu festgesetzt. Waren die Kosten für die Juden jedoch zu hoch, stellten sie ihre Lieferungen ein, was zu Protesten bei den Neumarkter Bürgern führte und das Wirtschaftsleben der Stadt lähmte.

Der älteste dokumentierte Grabstein des wohl im 15. Jahrhundert angelegten Friedhofs an der Engelgasse stammt aus dem Jahr 1647. Acht jüdische Familien waren 1629 sind in Sulzbürg verzeichnet; rund achtzig Jahre später sind es zwölf, im Jahr 1740 dann bereits 19 Familien. Die kurfürstliche Hofkammer verlangte von der jüdischen Gemeinde anlässlich der Erneuerung ihrer Privilegien 1717, dass sie der Kultusgemeinde in Schnaittach beitreten solle. Die Sulzbürger folgten dieser Anordnung, blieben jedoch weiterhin eine autonome Gemeinde mit eigenem Ortsrabbiner. Nach dem Tod des letzten Grafen von Wolfstein 1740 fiel Sulzbürg an Kurbayern. Neben Schnaittach war es vor der Säkularisation der einzige Ort unter bayerischer Herrschaft, in dem es eine jüdische Gemeinde gab. Die Kultusgemeinde Sulzbürg wuchs bis 1755 auf 30 Familien an, da sie viele Glaubensbrüder und -schwestern aufnahm, die aus Hilpoltstein wegziehen mussten - der Ort gehörte zum Fürstentum Pfalz-Neuburg, aus dem 1741 alle Juden ausgewiesen wurden.

Die kurbayerische Regierung unter Kurfürst Carl Theodor (reg. 1742-1799) legte 1756 mit einem neuen gesetzlichen Regelwerk die wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse der Juden in ihren Territorien verbindlich fest. Laut diesem Erlass durften in Sulzbürg jedoch nicht mehr als 30 jüdische Familien leben. In der Praxis war es aber möglich, dieses Gesetz durch eine Extrazahlung zu umgehen. Strenger kontrolliert wurden jedoch die Vorschriften bezüglich der Eheschließung. So gab es für die Heirat ein vorgeschriebenes Mindestalter von 24 Jahren für Frauen und 26 Jahren für Männer. Außerdem durften jüdische Männer nur Mädchen von auswärts heiraten. Durch die Besteuerung der eingehenden Mitgift der Bräute und der ausgeführten Mitgift der Jüdinnen, die nun nur noch Männer außerhalb Sulzbürgs ehelichen konnten, erhoffte man sich gute Einnahmen. Im Gegenzug wurden die bislang erhobenen Judenzölle gestrichen, was für die Sulzbürger Gemeindemitglieder, die zumeist im Handel tätig waren, eine große wirtschaftliche Erleichterung bedeutete. Die Gemeinde war bereits seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Sitz einer Rabbinates (seit dem 19. Jahrhundert Distriktrabbinat Sulzbürg-Neumarkt).

Als zwischen 1780 und 1800 neue Vorschriften den Handel erschwerten und das Immobiliengeschäft ganz verboten wurden, standen etliche jüdische Familien vor dem finanziellen Ruin. Einige Sulzbürger Juden waren dagegen überaus erfolgreich und erhielten zum Teil Staatsaufträge, wie z.B. Hirsch Natan, ein Militärlieferant, der in der ganzen Oberpfalz mit Grundstücken Geschäfte machte. Vermutlich zeitgleich mit einem neuen Synagogenbau, den Hirsch Natan größtenteils finanzierte, entstand um 1799 auch eine neue Mikwe. Das kleine Gebäude wurde auf einem Grundstück in der Schwabengasse (heute gegenüber Hausnr. 8 und 4) errichtet. Ein zuvor in Gebrauch gewesenes rituelles Reinigungsbad befand sich im Erdgeschoss des Hauses Nr. 72 (heute: Hinterer Berg 3). Dieses Anwesen gehört zu den alten, bereits im 15./16. Jh. errichteten jüdischen Wohnhäusern von Sulzbürg.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte die jüdische Gemeinde rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Um 1810 zählte sie 190 Mitglieder, 1833 waren es 257 Personen, um 1850 rund 300. Ab 1840 wanderten viele junge Jüdinnen und Juden in die USA aus, um den Beschränkungen des Matrikelparagrafen zu entfliehen und sich eine neue Existenz aufzubauen. 1823 trennte sich die Sulzbürger Judenschaft von der Schnaittacher Gemeinde und wurde wieder ein eigenständiges Rabbinat. Der neue Rabbiner Dr. Mayer Löwenmayer (1850/52-1894 Sulzbürger Distriktsrabbiner) betreute auch noch die Kultusgemeinden in Thalmässing, in Regensburg (1860-1882) und ab 1868 auch den Jischuw in Neumarkt. Die 1868/69 festgelegten "Statuten der Israelitischen Kultusgemeinde zu Sulzbürg" wurden 1897 und 1923 aktualisiert. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schrumpfte die Kultusgemeinde Sulzbürg rapide von 133 Personen (1890) auf 76 Mitglieder (1910). Die Schwesterngemeinde Neumarkt dagegen hatte großen Zulauf aufgrund des Eisenbahnanschlusses und der wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Auch Sulzbürger Juden wechselten deswegen nach Neumarkt. Schließlich wurde im Jahr 1910 unter dem neuen Rabbiner Dr. Magnus Weinberg auch der Sitz des Distriktsrabbinats nach Neumarkt verlegt. Wegen Schülermangels musste die Sulzbürger Elementarschule 1923 aufgelöst werden. Seitdem fand in der Synagoge nur noch der jüdische Religionsunterricht statt. Das damalige Haus Nr. 102 (heute: Vorderer Berg 6) wurde von der israelitischen Jugendorganisation ESRA als Erholungsheim v.a. für Kinder aus Nürnberg und Fürth genutzt. Unter ihnen befand sich in den Jahren 1927 bis 1930 auch der spätere US-Außenminister Henry Kissinger, ein gebürtiger Fürther. 1931 wechselte Dr. Weinberg nach Regensburg und das Rabbinat Sulzburg-Neumarkt wurde aufgelöst.

1933 lebten in Sulzbürg nur noch 16 jüdische Mitbürger. Während des NS-Regimes diente die jüdische Jugendferienstätte im Haus Nr. 102 (heute: Vorderer Berg 6) ab 1934 der NS-Frauenschaft als Müttererholungsheim. Eine letzte Beerdigung fand auf dem jüdischen Friedhof am 27. April 1938 statt. Während der Novemberpogrome 1938 zerstörten SA-Männer das Innere der Synagoge, durchsuchten jüdische Wohnungen, inhaftierten kurzzeitig die acht anwesenden Jüdinnen und Juden und verwüsteten den jüdische Friedhof. Anfang April 1942 wurden zwei jüdische Ehepaare aus Sulzbürg deportiert und ermordet. Fünf weitere Israeliten wurden einen Monat später über Regensburg nach Theresienstadt in Tschechien transportiert und dort umgebracht. Am 28. Mai 1942 erklärte die Sulzbürger Gendarmerie den Ort als "judenfrei".

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der jüdische Friedhof, auf dem heute über 300 Grabsteine erhalten sind, restauriert. An die ehemalige jüdische Kultusgemeinde Sulzbürg erinnern noch die zum Wohnhaus umgebaute einstige Synagoge (Engelgasse 14) sowie zwei mittelalterliche jüdische Wohnhäuser (Hinterer Berg 1 u. 3).

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Sulzbürg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 300-308.
  • Hans Georg Hirn: Jüdisches Leben in Neumarkt und Sulzbürg. Neumarkt i. d. OPf. 2011.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 114.