Jüdisches Leben
in Bayern

Sugenheim Gemeinde

Von den Lehnsherren Castell und Hohenlohe erwarben die Freiherrn von Seckendorff ab Mitte des 15. Jahrhunderts nach und nach einen geschlossenen Herrschaftskomplex rund um Sugenheim und errichteten ein Schloss. Die erste urkundliche Erwähnung eines Sugenheimer Juden findet sich im Salbuch von 1580: Ein "Joseph Judt" wurde mit einer anderen Handschrift als steuerzahlender Besitzer eines kleinen Grundstücks nachgetragen. Auch im ersten Drittel des 17. Jahrhundert gibt es Nachweise für Schutzjuden in Ezelheim und Sugenheim, die Steuern zahlten und ihren Anteil an den Gemeindediensten leisteten. Ab dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) teilten sich zwei Linien der Familie Seckendorff-Aberdar die Herrschaft über den Ort. Die eine von ihnen residierte weiter im spätmittelalterlichen Schloss (Altes Schloss), die andere errichtete eine eigene Residenz (Neues Schloss). Beide Linien zählten etliche Schutzjuden zu ihren Untertanen, die in offiziellen Dokumenten entsprechend als Innere bzw. Äußere Schlossjuden geführt wurden. Ob diese Trennung im realen Alltag überhaupt spürbar war, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. 

Am 31. März 1694 konnten die vier Familien die Dienste des Fürther Rabbiners Bernhard Fränkel in Anspruch nehmen. 1729 wurde bei internen Streitigkeiten der Rabbiner aus dem etwas näher gelegenem Mainbernheim zu Rate gezogen. Als die Sugenheimer Juden im Jahr 1743 einen eigenen Rabbiner wünschten, gaben die Seckendorffer zwar ihre Zustimmung, verlangten jedoch, dass dieser sich "nicht im Geringsten in nichts einmischen [dürfe] als was ihre jüdischen Zeremonien anlangte".

Ob die rund 13 Familien im Ort daraufhin tatsächlich einen Rabbiner anstellten, ist nicht überliefert. Im selben Jahr wurde die Einrichtung einer Betstube in einem Privathaus und die Verpflichtung eines jüdischen Religionslehrers (Melamed) gestattet. 

1754 wirkte in Sugenheim der Vorbeter Simon ben Samuel Leiteles aus Prag. Gemeinsam mit einem Zebi Horsch ben Jehuda aus Schonungen legte er das Sugenheimer Memorbuch an. Zwei Jahre später konnte die Gemeinde auf einem Grundstück der Seckendorffer Herrschaft ein freistehendes Synagogengebäude errichten. Gleichzeitig erließen die beiden herrschenden Freiherren Christoph Friedrich und Christoph Wolfgang von Seckendorff eine Gemeindeverfassung ("Kahlsbuch"), die von 1756 bis ins 19. Jahrhundert ihre Gültigkeit behielt. Anlässlich der Synagogeneinweihung stifteten der Barnoss Bärlein Calmann und seine Frau Model eine Torarolle, deren Pergamentblätter sie eigenhändig mit selbst gesponnenen Fäden zusammengenäht hatte.

Die jüdische Ansiedelung konzentrierte sich in einer recht ärmlichen "Judengasse" (heute Schlossstraße) in unmittelbarer Nähe zu den beiden Herrschaftssitzen, weitere Häuser lagen zwischen Ezelheimer Tor und Oberer Mühle. Die meisten Familien lebten "in großer Dürftigkeit" und konnten daher wenig zur Finanzierung ihrer Gemeinde beitragen. Abgesehen davon gab es seit mindestens 1752, und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein immer wieder Konflikte zwischen christlichen und jüdischen Metzgern, weil letztere die unreinen Teile der Schlachttiere zu billig an christliche Einwohner verkauften und dadurch den übrigen Metzgern das Geschäft verdarben. 

Bei der Erfassung aller jüdischer Gemeinden im damaligen Rezatkreis wurden 1811 in Sugenheim 148 Personen gezählt. Es gab einen Schulmeister, aber keinen Rabbiner. Zehn Jahre später lebte die überwiegende Mehrheit der Hausväter immer noch vom Vieh- und Pferdehandel, entgegen der staatlichen Bemühungen um eine Eingliederung der Juden in "bürgerliche" Erwerbsbereiche. Das lag vielleicht noch an der mangelhaften Schulbildung, die im selben Jahr offiziell bemängelt wurde: Unqualifizierte Privatlehrer unterrichteten eher sporadisch, regelmäßige Lehre gab es nur in Religion und Hebräisch. Viele Kinder konnten, wie ihre Eltern, nicht richtig lesen und schreiben. Im November 1829 wurde die Einrichtung einer jüdischen Elemenarrschule unter dem bisherigen staatlich Religionslehrer Jakob Kannreuther beschlossen. Der Unterrichtsraum wird im Schächterhaus neben der Synagoge vermutet.

Nachdem der Staat alle israelitischen Kultusgemeinden zur Angliederung an ein Rabbinat verpflichtete, schloss sich Sugenheim im Herbst 1826 an das Distriktsrabbinat Ansbach an. Später wurde die Gemeinde dem 1839 gegründeten Distrikt Welbhausen zugeteilt, dass 1875 nach Uffenheim verlegt wurde. Nach dessen Auflösung im Jahr 1880 schloss sich die Gemeinde dem Distriktsrabbinat Fürth an. Ihre Toten bestatteten die Sugenheimer Juden auf dem Friedhof in Ullstadt.

1830 wurde für die Mikwe im Keller der Synagoge ein kleiner Anbau mit einem Heizkessel errichtet, dem die Nachwelt auch die einzige Bildquelle der barocken Synagoge verdankt. Der Anspruch des Judenedikts von 1813, die Juden zu bayerischen Staatsbürgern zu machen, widersprachen in den Augen der Sugenheimer Juden die verschiedenen auferlegten Sonderabgaben. Ihre Weigerung, das noch immer gültige Schutzgeld an das Seckendorffer Patrimonialgericht zu zahlen, dazu noch Stolgeld an den evangelischen Pfarrer und "Gänsegelder" an die Gemeinde. Das führte 1829 zu einem langwierigen Prozess, der jedoch ansonsten das Einvernehmen zwischen den Religionen nicht trübte. Als 1842 der Kaufmann Heinrich Sugenheim in Offenbach starb, vermachte er seinem Geburtsort 500 Gulden als Stiftung, deren jährliche Zinsen ohne Unterschied der Konfession an alle Armen verteilt werden sollten. Allerdings führte – wie in fast allen fränkischen Landgemeinden – die große Emigrationsbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem substanziellen Schwund der Gemeinde Sugenheim; 1872 wurde daher beschlossen, künftig Gebühren beim Wegzug oder der Heirat von Gemeindemitgliedern zu verlangen.  

Die Zahl der Sugenheimer Juden sank von 132 Personen im Jahr 1875 auf 56 im Jahr 1925. Sechs Männer waren zusätzlich im Ersten Weltkrieg gefallen. Die jüdische Elementarschule musste schließen, der Staat ordnete die Zusammenlegung mit der Gemeindeschule an. Im Jahr 1937 übernahm der Burghaslacher Lehrer Ludwig Hammelburger den jüdischen Religionsunterricht für die Sugenheimer. Wie in vielen Orten des westlichen Mittelfrankens kam es bereits in der Weimarer Republik zu antisemitischen Vorfällen. Im Gefolge des Hitlerputsches 1923 wurde in Sugenheim das Haus eines jüdischen Einwohners gestürmt, es kam zu einer Schießerei und Misshandlungen. Bereits 1932 schloss der Männergesangverein seine jüdischen Mitglieder aus. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließ die Mehrzahl der jüdischen Männer, Frauen und Kinder bis 1938 ihren Heimatort. Viele emigrierten in die USA, nach Palästina, und in die Niederlande, andere zogen in die vermeintlich sicheren Großstädte. Den Einsatzbefehl zum Novemberpogrom erhielt der Sugenheimer NSDAP-Ortsgruppenleiter Wilhelm Neiderer durch einen Kurier des Kreisleiters Nikolaus Rückel aus Markt Bibart. In der Nacht auf den 10. November ging die Synagoge in Flammen auf. Seitdem sind die Ritualien verschollen. Die letzten 15 Jüdinnen und Juden wurden in das Spritzenhaus gesperrt und von dort nach Würzburg verschleppt, nach anderen Berichten kamen sie am nächsten Morgen frei und sind dann verzogen. Als letztes kam noch Luis Sämann im Amtsgerichtsgefängnis Seinfeld in Haft – er hatte sich während des Pogroms auf Geschäftsreise befunden und fiel bei seiner Ankunft aus allen Wolken. 

Noch in den 1970ern lebte eine Gruppe von gut vernetzten ehemaligen Sugenheimer Jüdinnen und Juden in New York. Eine Gedenktafel am Marktplatz erinnert an die jüdische Geschichte Sugenheims.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Michael Schneeberger: "In the cosy corner of Franconia" - Die Geschichte der Juden von Sugenheim. In: Jüdisches Leben in Bayern. Mitteilungsblatt des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 29. Jahrgang Nr. 124 April 2014 (= Jüdische Landgemeinden in Bayern 36), S. 29-34.
  • Barbara Eberhardt / Cornelia Berger-Dittscheid: Sugenheim. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 614-631.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 199.