Jüdisches Leben
in Bayern

Sommerach Gemeinde

Erste Hinweise auf jüdische Familien in Sommerach gibt es im Zuge des sogenannten "Sommeracher Judenstreits" von 1603 bis 1605. Die Ortsherrschaft übte zu dieser Zeit das Kloster Münsterschwarzach aus, während den Schutz der jüdischen Bewohner die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach beanspruchten. Aufgrund der repressiven Politik des Abtes gegenüber den ortsansässigen Juden und der widerrechtlichen Einziehung von Geldern setzten die markgräflichen Behörden gegen den Widerstand des Klosters eine Rückzahlung an die jüdischen Familien durch, deren Anzahl sich jedoch nicht beziffern lässt: Eine jüdische Gemeinde in Sommerach bestand erst seit dem 18. Jahrhundert. 1714 sollen fünf jüdische Familien hier gelebt haben. Möglicherweise gab es 1763 nach der Vertreibung der Juden aus Kitzingen weiteren Zuzug.

Der Ort zählte 1811 722 Einwohner, die jüdische Gemeinde dürfte etwa 100 Personen umfasst haben. 1816 wurde gegen den Warenmakler Samuel Levi ein Konkursverfahren eröffnet. "Gegen den Schutzjuden, Samuel Levi von Sommerach wurde die Ausschatzung erkannt." Die Gläubiger hatten sich bis 12. Februar 1817 mit ihren Forderungen zu melden, so eine Anzeige vom 30. Dezember 1816 im Königlich-baierischen-Intelligenzblatt. Offensichtlich konnte er seine Gläubiger befriedigen. Levi ist dann 1817 als Samuel Levi Willkomm im Matrikelverzeichnis aufgeführt. Am 22.Dezember 1817 erschien eine Versteigerungsanzeige im Intelligenzblatt für den Unter-Mainkreis: "Das Wohnhaus des Seckel Lippmann und Maier Moses von Sommerach, welches zweistöckig ist, und drey heizbare, dann mehrere unheizbare Zimmer, bebst zwey geräumigen guten Kellern enthält, mit zweistöckigen Nebengebäuden, Scheuer, Waschhaus, Hofrieth und Garten." Die Versteigerung war für den 26. Januar 1818 angesetzt. Bei den Genannten handelte es sich um Seckel Lippmann Sulzbacher, einem Kleinhändler, und Maier Moses Waldorf, ebenfalls einem Kleinhändler. Beide sind mit ihren neuen Namen Sulzbacher und Waldorf im Matrikelverzeichnis aufgeführt. Seckel Sulbacher verstarb 1827, da das Intelligenzblatt für den Unter-Mainkreis bekannt gab, wer an den Verstorbenen noch Forderungen habe, solle sich an die Behörden wenden. Die am 13. Juni 1817 erstellte Matrikelliste weist insgesamt 18 Namen von Familienoberhäuptern auf, darunter eine Witwe. Drei Personen waren unter anderem im Weinhandel tätig, drei weitere im Viehhandel und als Schlachter und Metzger tätig, die anderen gaben alle Erwerbstätigkeit Kleinhandel, Warenhandel und Schnittwarenhandel an. Philipp Samson Gutmuth betrieb einen Warenhandel im offenen Laden. Die jüdischen Familien wohnten in der Unteren und Oberen Judengasse (heute Turmstraße und Häckergasse). Hier befand sich auch die Synagoge (Grundstück heute Turmstraße 13).

Die sog. Hep-Hep-Krawalle 1819 erfassten auch die Kultusgemeinde in Sommerach, das in den zeitgenössischen Zeitungen mehrfach erwähnt wird. "In Sommerach im Würzburgischen wurden {am 18.8.1819] den Juden die Fenster eingeworfen". Der Verfasser des Artikels in der Augsburgischen Ordinari Postzeitung forderte, "die größte Strenge anzuwenden, um den Pöbel von solchen Exzessen abzuhalten; wobey in diesem Falle selbst das Heiligste, die Symbole einer Religion nicht geschont wurden, die unter dem Schutze der Gesetze steht. Die Anwendung kräftiger Maaßregeln zur Unterdrückung der gleichen Frevelthaten sind um so unerläßlicher, da diejenigen, die heute das Haus eines reichen jüdischen Kaufmanns plündern und zerschlagen, morgen aus den selben Gründen und mit demselben Vergnügen eben dasselbe an dem Hause des reichen christlichen Kaufmanns wiederholen werden. Heute dem Nathan, morgen dem Patriarchen, übermorgen dem Saladin!". Auch in den Überlieferungen zur Geschichte unserer Zeit war 1819 zu lesen: "Man hörte von Aufläufen, von Misshandlungen der Hebräer, von Zerstörung oder Plünderung ihrer Wohnungen", wobei als Beispiel neben Würzburg, Bayreuth auch Sommerach mit dem Vorfall am 18. August 1819 angeführt wurde. Die Plünderung und Zerstörung der Inneneinrichtung der Synagoge in Sommerach wird nur von der in Hildburghausen erschienenen Dorfzeitung berichtet: "Recht leid hat mir das Benehmen einiger schlechter Menschen in Sommerach gethan, die die Juden in ihrer Synagoge angefallen, alles darin zerstört und sogar, – ich mag es fast nicht sagen, – ihre heiligen Bücher, die ja auch uns heilig sind, zerrissen und zerschnitten haben. Mögen die Juden in Sommerach noch so schlecht sein, das war doch sehr unrecht" (Zitat nach Erb, Nachtseite, S. 236). Die antijüdische Grundstimmung vor Ort ist hier ganz deutlich. Den wirtschaftlichen Neid als Motiv vermutete die Erlanger Real-Zeitung, die 1819 schrieb: "Von den Judenhändeln: Die Handelszeitung sagt, der Lärm in Würzburg sey darüber entstanden, daß eine jüdische Spezereyhandlung den Kaffee um 1 kr. das Pfund wohlfeiler gegeben habe". Die lokalen Behörden in Sommerach waren jedenfalls nicht in der Lage oder nicht willens, die Ausschreitungen in Sommerach zu verhindern.

In den folgenden Jahren ist bereits ein Rückgang der Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde festzustellen. Die Geographische Beschreibung des Unter-Mainkreises nannte 1825 noch 955 Einwohner, darunter etwa 100 jüdische Einwohner, während 1832 das Topo-geographisch-statistisches Lexicon 935 Einwohner, darunter 89 Juden, zählte. Die neuen Möglichkeiten der sozialen Teilhabe findet sich in der Aufstellung der Kurgäste von Kissingen 1824. Hier wurden "Madame Mohrenwitz mit Demoiselle Henriette Heinemann aus Sommerach" als Kurgäste genannt. Es dürfte sich um die Ehefrau von Loeb Samson Mohrenwitz und eventuell um die Tochter von Asor Schmay Heinemann gehandelt haben. Eine überregionale Geschäftstätigkeit entwickelten die Familien Mohrenwitz und Waldorf (Walldorf). Loeb Samson Mohrenwitz war i1817 im Matrikelregister mit einer Erwerbstätigkeit im Wein- und Viehhandel und sonstigen Gegenständen eingetragen. Entweder er selbst oder ein gleichnamiger Verwandter aus Sommerau waren in den 1830 Jahren als Kaufmann im Weinhandelt, auch in Zusammenarbeit mit dem Sommeracher Heinemann, in Nürnberg und München tätig. 1855 erhielt B. Mohrenwitz die Konzession für einen Weinhandel in Fürth und zog später dorthin um. Noch in Sommerach ist der Weinhändler August Mohrenwitz (1856-1942) geboren. Der Familie entstammte auch der Weinhändler Sigmund Mohrenwitz (1838-1890). Der Spenglermeister Gottlieb Walldorf aus Sommerach, ein Nachkomme von Maier Moses Waldorf, hatte eine Kochmaschine zum "Kochen von Speisen auf Sabbat" entwickelt. Seine "Sabbat-Kochmaschinen für Israeliten eingerichtet mit Abteilungen zu Fleisch- und Milchspeisen in beliebiger Größe. Vom religiösen wie praktischen Standpunkt allseitig anerkannt", bewarb er seit 1861 in der Zeitschrift Der Israelit. Sein Nachfolger war mit diesem Produkt noch 1884 in Sommerach tätig. Die offizielle Auflösung der jüdischen Gemeinde Sommerach dürfte in den 1880er Jahren erfolgt sein. Die Gemeinde wird 1888 noch im Statistischen Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes aufgeführt. In der Ausgabe von 1889 fehlt sie bereits. Im Jahr 1910 lebten gar keine jüdischen Mitbürger mehr im Ort.


(Wolfgang Jahn)

Bilder

Bevölkerung 1975

Literatur

  • Franz Pfrang: Juden im Raum Volkach. In: Ute Feuerbach (Hg.): Unsere Mainschleife. 1978–1992. Volkach 2008. S. 70-80.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 122.
  • Rainer Erb / Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation – Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780–1860. Berlin 1989, S. 236.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S.